78 Prozent der Zwölfjährigen in Deutschland sind heute kariesfrei. Noch vor drei Jahrzehnten war das undenkbar. Die Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS 6), veröffentlicht im Frühjahr 2025, dokumentiert einen historischen Erfolg: Seit Einführung der Gruppen- und Individualprophylaxe Ende der neunziger Jahre ist die Karieslast bei Kindern um 90 Prozent gesunken. Bei jüngeren Erwachsenen hat sich die Karieserfahrung seit 1989 halbiert.
Das klingt nach einer Erfolgsgeschichte. Und doch gibt es eine Schattenseite, die in Zahnarztpraxen selten zur Sprache kommt: 14 Millionen Menschen in Deutschland leiden an schwerer, behandlungsbedürftiger Parodontitis. Bei den 35- bis 44-Jährigen sind 95 Prozent von einer Form der Parodontitis betroffen, bei den 65- bis 74-Jährigen zeigt mehr als die Hälfte schwere Stadien der Erkrankung. Das wirft Fragen auf: Was schützt Zähne tatsächlich? Welche Empfehlungen sind evidenzbasiert, welche eher Marketing?
Fluorid: Die wichtigste Waffe gegen Karies
Wenn es eine einzelne Maßnahme gibt, die den Rückgang der Karies in den vergangenen Jahrzehnten erklärt, dann ist es Fluorid. Die Substanz härtet den Zahnschmelz, hemmt die Säureproduktion von Bakterien und kann beginnende Entmineralisierungen sogar rückgängig machen. Das ist keine Vermutung, sondern durch Hunderte von Studien belegt und von der Cochrane Collaboration bestätigt.
Die im März 2025 veröffentlichte S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) und der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ) fasst die aktuelle Datenlage zusammen. 34 Expertinnen und Experten aus 19 Fachgesellschaften haben über 1.100 Publikationen gesichtet und mehr als 230 Studien ausgewertet. Die zentralen Empfehlungen:
- Zahnpasta ab dem Durchbruch der bleibenden Zähne: 1.000 bis 1.500 ppm Fluorid, zweimal täglich
- Fluoridlack: zweimal jährlich beim Zahnarzt, bei hohem Kariesrisiko viermal jährlich
- Fluoridgel: einmal wöchentlich zu Hause oder zwei- bis viermal jährlich in der Praxis
- Bei erhöhtem Wurzelkariesrisiko: Zahnpasta mit 5.000 ppm Fluorid (rezeptpflichtig, ab 16 Jahren)
Der kariespräventive Effekt steigt mit zunehmender Fluoridkonzentration und häufigerer Anwendung. Die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) betonen: Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch ist die Anwendung fluoridhaltiger Zahnpasta sicher. Eine akute Fluoridintoxikation ist klinisch nahezu ausgeschlossen. Die therapeutische Sicherheit in der Kariesprophylaxe ist ausgesprochen hoch.
Trotzdem erleben fluoridfreie Zahnpasten in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom. Hersteller werben mit "natürlichen" Alternativen wie Hydroxylapatit oder Aktivkohle. Die wissenschaftliche Grundlage dafür ist dünn. Die S3-Leitlinie stuft die Evidenz für Hydroxylapatit als unzureichend ein, um eine Empfehlung auszusprechen. Wer auf fluoridfreie Zahnpasta setzt, verzichtet damit auf die wirksamste Einzelmaßnahme gegen Karies. Die Leitlinie lässt daran keinen Zweifel.
Elektrisch oder manuell? Die Datenlage ist eindeutig

Die Debatte zwischen elektrischer und manueller Zahnbürste lässt sich mit einem Blick auf die Studienlage klären. Die Cochrane-Übersichtsarbeit, die 56 Studien mit über 5.000 Teilnehmern ausgewertet hat, kommt zu einem klaren Ergebnis: Elektrische Zahnbürsten reduzieren Plaque und Gingivitis signifikant stärker als Handzahnbürsten. Besonders wirksam sind oszillierend-rotierende Modelle, die Plaque kurzfristig um 11 Prozent und langfristig um 21 Prozent stärker reduzieren als manuelle Bürsten.
Noch eindrucksvoller sind die Langzeitdaten. Eine 11-Jahres-Kohortenstudie der Universität Greifswald mit 2.819 Erwachsenen, veröffentlicht im Journal of Clinical Periodontology, zeigt: Nutzerinnen und Nutzer elektrischer Zahnbürsten verloren über den Beobachtungszeitraum 20 Prozent weniger Zähne. Die Zunahme der Zahnfleischtaschentiefe war um 22 Prozent geringer, der Gewebeabbau am Zahnhalteapparat um 21 Prozent reduziert.
Ein wichtiges Detail: Dieser Vorteil zeigte sich vor allem bei leichter und mittelschwerer Parodontitis. Bei bereits schwerer Parodontitis war der Unterschied nicht mehr signifikant. Das bedeutet: Wer früh auf eine elektrische Zahnbürste umsteigt, profitiert am meisten.
Interessanterweise fand die Greifswalder Studie keinen Zusammenhang zwischen der Bürstenart und Karies. Gegen Löcher in den Zähnen ist Fluorid der entscheidende Faktor, nicht die Putztechnik.
Was heißt das konkret? Wenn Sie bisher mit einer Handzahnbürste zurechtkommen und eine saubere Putztechnik beherrschen, ist das kein Grund zur Panik. Aber die Evidenz spricht klar für die elektrische Variante, insbesondere für Menschen, die zu Zahnfleischentzündungen neigen oder motorisch eingeschränkt sind. Gute oszillierend-rotierende Modelle gibt es bereits ab 30 Euro. Die Investition amortisiert sich, wenn man bedenkt, dass eine einzelne Füllung beim Zahnarzt schnell das Dreifache kostet.
Die Zwei-Minuten-Regel und der richtige Zeitpunkt
Die meisten Fachgesellschaften empfehlen, mindestens zweimal täglich zwei bis drei Minuten zu putzen. Morgens nach dem Frühstück und abends vor dem Schlafengehen sind die wichtigsten Zeitpunkte. Abends ist dabei entscheidender: Während des Schlafs ist die Speichelproduktion reduziert, der natürliche Schutzfilm fehlt, und Bakterien können sich ungestört vermehren.
Eine oft übersehene Regel: Nach dem Verzehr säurehaltiger Lebensmittel wie Zitrusfrüchten, Fruchtsäften oder Essigdressings sollten Sie mindestens 30 Minuten mit dem Putzen warten. Die Säure erweicht vorübergehend den Zahnschmelz. Wer sofort schrubbt, trägt die oberste Schmelzschicht ab.
Auch die Zahnbürste selbst verdient Aufmerksamkeit. Spätestens alle drei Monate sollte sie ausgetauscht werden, bei elektrischen Modellen der Bürstenkopf. Ausgefranste Borsten reinigen nicht mehr gründlich und können das Zahnfleisch verletzen. Wer unsicher ist, ob die Putztechnik stimmt: Zahnärzte bieten im Rahmen der Individualprophylaxe eine Putzanleitung an, bei der anfärbbare Plaque sichtbar macht, welche Stellen vernachlässigt werden.
Zahnzwischenräume: Interdentalbürsten schlagen Zahnseide
Die Zahnzwischenräume machen rund 30 Prozent der gesamten Zahnoberfläche aus. Die Zahnbürste allein erreicht sie nicht. Trotzdem reinigen viele Menschen ihre Zwischenräume nie oder nur sporadisch. Ein Fehler, denn genau dort entstehen häufig Karies und Zahnfleischentzündungen.
Die Cochrane Collaboration hat 2019 in einer umfassenden Übersichtsarbeit 35 randomisierte kontrollierte Studien mit fast 4.000 Teilnehmern ausgewertet. Das Ergebnis: Sowohl Zahnseide als auch Interdentalbürsten reduzieren Zahnfleischentzündungen über das Zähneputzen hinaus. Doch Interdentalbürsten schneiden bei Gingivitis nach einem und drei Monaten besser ab als Zahnseide.
Der Haken: Interdentalbürsten benötigen ausreichend große Zahnzwischenräume. Bei sehr eng stehenden Zähnen, wie sie vor allem jüngere Erwachsene haben, bleibt Zahnseide die einzige Option. Viele Zahnärzte empfehlen daher eine Kombination: Interdentalbürsten dort, wo sie passen, Zahnseide für die engen Stellen.
Einmal täglich sollte die Zwischenraumreinigung stattfinden. Am besten abends vor dem Zähneputzen, damit das Fluorid aus der Zahnpasta anschließend auch in die gereinigten Zwischenräume gelangt.
Zungenreinigung: Unterschätzter Faktor
Auf der rauen Oberfläche der Zunge siedeln Milliarden von Bakterien. Sie bilden einen weißlichen Belag, der nicht nur die häufigste Ursache für Mundgeruch ist, sondern auch eine Quelle für Keime, die Zahnfleischentzündungen fördern können.
Ein Zungenreiniger oder Zungenschaber, einmal täglich angewendet, entfernt diesen Belag wirksam. Die Anwendung ist simpel: Von hinten nach vorne über die Zunge streichen, den Schaber abspülen, zwei- bis dreimal wiederholen. Es ist eine kleine Maßnahme mit spürbarem Effekt, insbesondere gegen Mundgeruch.
Professionelle Zahnreinigung: Nutzen umstritten

Die professionelle Zahnreinigung (PZR) gehört zu den am häufigsten verkauften individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) in Deutschland. Zahnärzte empfehlen sie routinemäßig ein- bis zweimal pro Jahr, die Kosten liegen zwischen 80 und 150 Euro. Doch wie gut ist die Evidenz?
Die Antwort ist ernüchternd: Der IGeL-Monitor des Medizinischen Dienstes Bund bewertet die professionelle Zahnreinigung bei Erwachsenen ohne Parodontitis mit "unklar". Die systematische Literaturrecherche fand keine belastbare Studie, die einen Nutzen für gesunde Erwachsene belegen würde.
Eine Cochrane-Übersichtsarbeit kommt zu einem ähnlichen Schluss: Regelmäßiges professionelles Reinigen und Polieren zeigt über zwei bis drei Jahre nur einen geringen oder gar keinen Effekt auf Gingivitis, Zahnfleischtaschentiefe und mundgesundheitsbezogene Lebensqualität im Vergleich zu keiner PZR. Auch bei Plaque-Werten fand sich über zwei Jahre kein relevanter Unterschied.
Bedeutet das, dass die PZR wertlos ist? Nicht unbedingt. Die Datenlage hat Lücken. Es gibt kaum Studien zur PZR als Teil einer Parodontitis-Behandlung, wo sie möglicherweise einen größeren Nutzen hat. Für Risikogruppen, etwa Raucher, Diabetiker oder Menschen mit bereits bestehender Parodontitis, kann die regelmäßige professionelle Reinigung sinnvoll sein. Bei Erwachsenen mit gesundem Zahnfleisch und guter häuslicher Mundhygiene lässt sich ein klarer Nutzen derzeit aber nicht belegen.
Wichtig zu wissen: Die PZR ist keine Kassenleistung. Anders verhält es sich mit der regulären Zahnsteinentfernung, die einmal jährlich von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen wird, sowie dem Parodontitis-Screening (PSI), das alle zwei Jahre bezahlt wird.
Parodontitis: Die stille Epidemie
Die DMS 6 zeigt, dass Parodontitis in Deutschland nach wie vor ein massives Problem darstellt. 14 Millionen Menschen leiden an schweren Formen. Die neue Studie, die erstmals die internationale Klassifikation für Parodontalerkrankungen anwendet, liefert erschreckend detaillierte Zahlen: Bei den 35- bis 44-Jährigen sind 95,1 Prozent betroffen, davon 13,6 Prozent im Stadium III und 3,9 Prozent im Stadium IV. Bei den 65- bis 74-Jährigen zeigt über die Hälfte schwere Formen. Die Erkrankung verläuft oft schleichend: Zahnfleischbluten, Rötungen und Schwellungen sind frühe Warnzeichen, die viele Betroffene ignorieren oder als harmlos abtun.
Unbehandelt zerstört Parodontitis den Zahnhalteapparat. Zahnfleischtaschen vertiefen sich, der Kieferknochen baut ab, am Ende lockern sich die Zähne und fallen aus. Zudem zeigen immer mehr Studien Zusammenhänge zwischen Parodontitis und systemischen Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Atemwegsinfektionen.
Die gute Nachricht: Der Trend geht in die richtige Richtung. Die Zahl der vorhandenen Zähne ist laut DMS 6 gestiegen. Jüngere Erwachsene haben durchschnittlich 26,6 Zähne (zuvor 25,9), bei jüngeren Senioren stieg die Zahl von 17,2 auf 20,4. Nur noch fünf Prozent der 65- bis 74-Jährigen sind zahnlos. Zahnärztliche Prävention wirkt also, auch wenn es noch viel Raum für Verbesserung gibt.
Seit Juli 2021 haben gesetzlich Versicherte Anspruch auf eine strukturierte Parodontitis-Behandlung, die von der Kasse übernommen wird. Das war ein Meilenstein: Erstmals ist die gesamte Behandlungskette von der Befunderhebung über die aktive Therapie bis zur Nachsorge als Kassenleistung verankert. Dazu gehört auch die sogenannte unterstützende Parodontitistherapie (UPT), die je nach Schweregrad über zwei bis drei Jahre regelmäßig stattfindet. Entscheidend ist, dass Betroffene nicht nur den Ersttermin wahrnehmen, sondern die Nachsorge konsequent durchhalten. Ohne regelmäßige UPT ist das Rückfallrisiko hoch.
Vorsorge beim Zahnarzt: Was die Kasse zahlt
Viele Patientinnen und Patienten wissen nicht genau, welche Vorsorgeleistungen ihnen zustehen. Ein Überblick über die gesetzlichen Leistungen
- Zahnärztliche Kontrolluntersuchung: zweimal jährlich, inklusive Beratung
- Zahnsteinentfernung: einmal jährlich
- Parodontitis-Screening (PSI): alle zwei Jahre
- Bonusheft: Wer regelmäßig zur Kontrolle geht, erhält bei späterem Zahnersatz einen höheren Zuschuss (bis zu 75 Prozent nach zehn Jahren lückenloser Vorsorge)
Diese Leistungen sind kostenlos und bilden die Grundlage der zahnärztlichen Vorsorge. Alles darüber hinaus, etwa die professionelle Zahnreinigung oder spezielle Fluoridierungen, müssen Patientinnen und Patienten selbst bezahlen oder über eine Zahnzusatzversicherung abdecken. Das Bonusheft ist dabei nicht zu unterschätzen: Wer fünf Jahre lückenlos Vorsorge nachweist, erhält bei Zahnersatz 70 Prozent Zuschuss statt 60 Prozent. Nach zehn Jahren steigt der Festzuschuss auf 75 Prozent. Bei einer Krone, die schnell 800 Euro kostet, macht das einen spürbaren Unterschied.
Was Sie heute ändern können
Die Forschungslage zur Zahnvorsorge lässt sich auf wenige, gut belegte Empfehlungen verdichten:
- Fluoridhaltige Zahnpasta verwenden (1.000 bis 1.500 ppm), zweimal täglich mindestens zwei Minuten putzen
- Elektrische Zahnbürste nutzen, idealerweise ein oszillierend-rotierendes Modell
- Zahnzwischenräume täglich reinigen, mit Interdentalbürsten oder Zahnseide
- Zungenreinigung in die tägliche Routine einbauen
- Zweimal jährlich zum Zahnarzt, Bonusheft abstempeln lassen
- PZR kritisch abwägen: Für Risikogruppen sinnvoll, für gesunde Erwachsene mit guter Mundhygiene nicht zwingend nötig
- Säurehaltige Lebensmittel: 30 Minuten warten vor dem Putzen
Die beste Nachricht dabei: Die wirksamsten Maßnahmen sind die einfachsten. Fluorid, eine gute Zahnbürste und tägliche Zwischenraumreinigung kosten wenig und schützen die Zähne zuverlässig bis ins hohe Alter.





