Seit Oktober 2021 zahlen die gesetzlichen Krankenkassen einen einmaligen Bluttest auf Hepatitis B und C im Rahmen des Check-up 35. Der Test kostet die Versicherten nichts, dauert wenige Minuten und kann eine über Jahrzehnte unentdeckte Infektion sichtbar machen. Vier Jahre nach der Einführung steht eine ernüchternde Bilanz: Die meisten Anspruchsberechtigten haben den Test nie gemacht. Der Bewertungsausschuss hat den Praxisanreiz im August 2025 deshalb bis Ende 2028 verlängert.

Was der G-BA 2020 beschlossen hat

Am 20. November 2020 hat der Gemeinsame Bundesausschuss die Aufnahme eines Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Screenings in die Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie beschlossen. In Kraft trat der Beschluss am 12. Februar 2021, abrechenbar wurde die Leistung mit Aufnahme in den Einheitlichen Bewertungsmaßstab am 1. Oktober 2021. Anspruch hat jeder gesetzlich Versicherte ab dem vollendeten 35. Lebensjahr. Anders als der Rest des Check-up 35, der alle drei Jahre möglich ist, gilt für den Hepatitis-Test ein Einmal-Anspruch: Wer ihn nicht in Anspruch nimmt, hat keinen Zweittermin.

Der Test besteht aus einer normalen venösen Blutentnahme, die in den ohnehin laufenden Check-up integriert wird. Im Labor wird das Blut auf zwei Marker untersucht: das Oberflächenprotein HBsAg als Hinweis auf eine bestehende Hepatitis-B-Infektion und Antikörper gegen das Hepatitis-C-Virus (anti-HCV). Bei einem positiven Befund wird aus derselben Blutprobe die Viruslast bestimmt, also HBV-DNA beziehungsweise HCV-RNA, um eine aktive Infektion zu bestätigen. Anti-HBc, der Marker für jeden früheren HBV-Kontakt, ist im Screening bewusst nicht enthalten, weil er auch ausgeheilte Infektionen anzeigen würde und damit eine hohe Rate an Folgeuntersuchungen ohne Nutzen produzierte.

Honoriert wird die Leistung über die Gebührenordnungsposition 01734 als Zuschlag zur normalen Gesundheitsuntersuchung (GOP 01732). Die Kassenärztliche Bundesvereinigung beziffert den Zuschlag mit 41 Punkten oder rund 4,56 Euro extrabudgetär. Im August 2025 hat der Bewertungsausschuss die Befristung dieser Vergütung um drei Jahre bis zum 31. Dezember 2028 verlängert. Begründung der KBV: Der erwartete Effekt sei in den ersten Jahren nicht eingetreten, der überwiegende Anteil der Anspruchsberechtigten habe die Untersuchung bisher nicht erhalten.

Warum gerade Hepatitis B und C im Check-up landeten

Hepatitis A heilt fast immer aus, gegen Hepatitis B existiert ein Impfstoff seit den 1980er Jahren, Hepatitis E ist in Deutschland selten klinisch relevant. Die beiden Erreger, die im Screening adressiert werden, sind die problematischen: Hepatitis B und Hepatitis C verlaufen häufig chronisch und über Jahrzehnte symptomarm, beide können in Leberzirrhose und Leberzellkarzinom münden, und beide sind heute behandelbar. Die Deutsche Leberstiftung schätzt die Zahl chronisch HBV-Infizierter in Deutschland auf 250.000 bis 300.000 Personen. Für chronisches HCV liegen die Schätzungen in einer ähnlichen Größenordnung.

Hepatitisform Übertragung Akut oder chronisch Impfung verfügbar Therapie Im Check-up 35
Hepatitis A fäkal-oral, Reisen fast immer akut, heilt aus ja symptomatisch nein
Hepatitis B Blut, sexuell, perinatal 5 bis 10 Prozent chronisch (Erwachsene) ja antiviral, oft lebenslang ja
Hepatitis C überwiegend Blut 60 bis 85 Prozent chronisch nein DAA, kurativ in 8 bis 12 Wochen ja
Hepatitis D nur mit HBV chronisch bei Koinfektion indirekt (HBV-Impfung) begrenzt nein
Hepatitis E fäkal-oral, Schwein meist akut, bei Immunsupprimierten chronisch nein (außer China) symptomatisch, in Risikofällen Ribavirin nein

Der Verlauf ist tückisch. Der RKI-Ratgeber Hepatitis C beschreibt, dass etwa drei Viertel der akuten HCV-Infektionen klinisch stumm bleiben oder mit unspezifischen grippeähnlichen Symptomen einhergehen. Aus diesem Grund vergehen oft Jahre bis Jahrzehnte zwischen Infektion und Diagnose. Bei etwa 16 bis 20 Prozent der chronisch Infizierten entwickelt sich nach 20 Jahren eine Leberzirrhose, nach 30 Jahren steigt die Rate auf rund 41 Prozent. Patienten mit Zirrhose tragen zusätzlich ein jährliches Risiko von 2 bis 4 Prozent, ein hepatozelluläres Karzinom zu entwickeln.

Detail einer Blutprobe im Hausarzt-Setting
Detail einer Blutprobe im Hausarzt-Setting

5 Prozent nutzen den Check-up, davon jeder Zweite mit Hep-Test

Wie viele der Anspruchsberechtigten den Hepatitis-Test tatsächlich machen, lässt sich nur indirekt schätzen. Eine im Herbst 2024 vom Frankfurter Hepatologen Christoph Sarrazin und Kollegen vorgelegte Analyse von Abrechnungsdaten zeigte: Im Drei-Jahres-Fenster nehmen lediglich rund 5 Prozent der Berechtigten den Check-up 35 überhaupt in Anspruch. Von diesen wurden etwa die Hälfte zusätzlich auf Hepatitis getestet. In Summe erreicht das Screening also nur einen sehr kleinen Teil der Zielgruppe.

Was strukturierte Programme leisten können, zeigt eine im JHEP Reports im Sommer 2024 publizierte Auswertung der ersten zwölf Monate nach Einführung. Zwischen Oktober 2021 und September 2022 erhielten 286.192 Personen in deutschen Hausarztpraxen einen Hepatitis-Test im Rahmen des Check-up 35. Zum Vergleich: Im Jahr 2018 lag die Zahl der HBsAg- und anti-HCV-Anforderungen bei jeweils etwa 30.000. Das Screening hat die Diagnostik also versiebenfacht bis verneunfacht. Die Positivrate lag bei 0,54 Prozent für HBsAg, 0,79 Prozent für anti-HCV und 0,13 Prozent für aktive HCV-Infektionen (RNA-positiv). Hochgerechnet auf die deutsche Erwachsenenbevölkerung ergibt sich daraus eine sechsstellige Zahl bisher unentdeckter chronischer Infektionen.

Die WHO schätzt im Global Hepatitis Report 2024, dass weltweit 254 Millionen Menschen mit chronischer Hepatitis B und 50 Millionen mit chronischer Hepatitis C leben. Pro Tag sterben weltweit rund 3.500 Menschen an den Folgen viraler Hepatitis, in Summe 1,3 Millionen Todesfälle im Jahr 2022. Der WHO-Eliminationsplan sieht vor, dass bis 2030 mindestens 80 Prozent der chronisch Infizierten diagnostiziert und behandelt werden. Aktuell liegen die globalen Werte bei 13 Prozent Diagnoserate und 3 Prozent Therapierate für HBV, bei HCV sind es 36 Prozent beziehungsweise 20 Prozent. Deutschland gehört zu den wenigen Ländern, die mit dem Screening im Check-up überhaupt eine flächendeckende Infrastruktur dafür haben.

Hep C ist seit 2014 heilbar, Hep B beherrschbar

Hier liegt die eigentliche Pointe der Vorsorge. Wer eine chronische Hepatitis C gefunden bekommt, kann sie in den allermeisten Fällen nicht nur behandeln, sondern ausheilen. Die direkt antiviral wirksamen Substanzen, kurz DAA, haben die HCV-Therapie zwischen 2014 und 2017 grundlegend verändert. Nach der AWMF-S3-Leitlinie 021/012 erreichen Patienten mit einer 8- bis 12-wöchigen Kombinationstherapie aus pangenotypischen DAA wie Sofosbuvir plus Velpatasvir oder Glecaprevir plus Pibrentasvir eine anhaltende virologische Antwort (SVR) von mehr als 95 Prozent. SVR bedeutet: Das Virus ist sechs Monate nach Therapieende nicht mehr nachweisbar, die Infektion gilt als geheilt. Vor der DAA-Ära lagen die Heilungsraten je nach Genotyp zwischen 40 und 70 Prozent, die Therapie dauerte bis zu 48 Wochen und war für viele Patienten wegen schwerer Nebenwirkungen kaum durchzuhalten.

Die Tabletten sind teuer. Eine zwölfwöchige DAA-Therapie liegt nach Listenpreis im fünfstelligen Eurobereich, im deutschen Erstattungssystem wird sie bei gesicherter Diagnose von der Krankenkasse übernommen. Die Bedingung ist trivial: Die Infektion muss bekannt sein. Wer den Hepatitis-Test im Check-up 35 nicht macht, sieht die Heilungschance schlicht nicht.

Bei Hepatitis B sieht die Lage anders aus, aber nicht weniger therapierbar. Eine vollständige Eradikation des Virus aus dem Körper ist mit den verfügbaren Substanzen meist nicht zu erreichen, aber eine dauerhafte Viruslast-Suppression. Nukleosid- und Nukleotidanaloga wie Entecavir oder Tenofovir senken die HBV-DNA unter die Nachweisgrenze und reduzieren so das Risiko für Zirrhose und Leberkrebs deutlich. Auch diese Therapie wird von den Kassen übernommen, auch hier ist die Voraussetzung die Diagnose.

Wartezimmer in einer Hausarztpraxis
Wartezimmer in einer Hausarztpraxis

Was im Check-up 35 außerdem passiert

Der Hepatitis-Test ist nur ein Modul eines breiteren Vorsorgepakets. Die KBV listet fünf Bausteine, die der Hausarzt oder die Hausärztin im Rahmen der Untersuchung abarbeitet:

Modul Inhalt Frequenz
Anamnese Eigen-, Familien-, Sozial- und Berufsanamnese, Risikofaktoren alle 3 Jahre ab 35
Körperliche Untersuchung Inspektion, Auskultation Herz/Lunge, Blutdruck, BMI alle 3 Jahre ab 35
Laboruntersuchung Gesamtcholesterin, LDL, HDL, Triglyzeride, Nüchternglukose, Urinstatus alle 3 Jahre ab 35
Impfstatus-Check Tetanus, Diphtherie, Pertussis, MMR, COVID, ggf. weitere alle 3 Jahre ab 35
Beratung und Ergebnisbesprechung Risikoprofil, Lebensstil, Empfehlungen alle 3 Jahre ab 35
Hepatitis-B-/-C-Screening HBsAg, anti-HCV (Bestätigung via HBV-DNA/HCV-RNA) einmal im Leben ab 35

Wer zwischen 18 und 34 ist, hat einmalig Anspruch auf einen verkürzten Check-up. Erst ab 35 wird daraus das dreijährige Standardprogramm. Der Hepatitis-Test ist innerhalb dieser Struktur eine Sonderposition: Er ist nicht an die Drei-Jahres-Frequenz gekoppelt, sondern ein einmaliger Anspruch im Erwachsenenleben. Praktisch bedeutet das: Wer mit 36 zum Check-up geht und den Test machen lässt, hat ihn erledigt. Wer mit 36 ohne Test geht, hat ihn nicht erledigt. Beim nächsten Check-up mit 39 wird er nicht automatisch nachgeholt.

In der Praxis muss der Test aktiv angefordert oder vom Arzt angeboten werden. Wie häufig das passiert, hängt stark vom Praxisteam ab. Die strukturierten Hausarzt-Programme in einigen Bundesländern haben die Trefferquote nachweislich erhöht, in der Regelversorgung läuft es schleppender. Das ist der zentrale Grund für den verlängerten Praxisanreiz bis 2028: Die KBV hofft, mit der Honorierung mehr Praxen zur konsequenten Ansprache zu bewegen.

Wer besonders profitiert

Auch wenn jeder Erwachsene ab 35 Anspruch hat, gibt es Gruppen mit deutlich erhöhter Wahrscheinlichkeit einer unentdeckten Infektion. Dazu zählen laut RKI Menschen, die vor 1992 eine Bluttransfusion oder ein Blutprodukt erhalten haben (vor Einführung der HCV-Antikörpertestung im Spenderblut), Personen mit Tätowierungen oder Piercings unter nicht-sterilen Bedingungen, Drogenkonsumenten mit intravenöser Vorgeschichte, Migranten aus Hochprävalenzregionen wie Subsahara-Afrika, Osteuropa, Süd- und Südostasien sowie Männer, die Sex mit Männern haben.

Für diese Gruppen bedeutet der Check-up 35 eine niederschwellige Gelegenheit, ohne stigmatisierende Sondersituation einen Test zu bekommen. Die Krankenkasse erfährt keine Risikofaktoren, der Test ist Bestandteil einer Routineuntersuchung. Bei einem positiven Befund verläuft die weitere Diagnostik über die Hausarztpraxis und eine Überweisung an einen Hepatologen oder Gastroenterologen.

Im Body bleibt eine offene Flanke. Die Daten der Erst-Auswertung zeigen, dass der Effekt bei Männern in höheren Altersgruppen besonders ausgeprägt war: Bei 75- bis 84-jährigen Männern stieg die anti-HCV-Diagnostik durch das Screening um über 500 Prozent gegenüber der Routineversorgung. Das deutet auf eine erhebliche unerkannte Krankheitslast in einer Generation hin, die in den 1970er und 1980er Jahren als Erwachsene mit dem Virus in Kontakt gekommen sein dürfte, ohne damals eine adäquate Diagnostik gehabt zu haben.

Was die Vorsorge kostet, was sie spart

Aus Sicht der Versicherten ist der Test kostenfrei. Aus Sicht der Solidargemeinschaft ist er eine ökonomisch belegte Investition. Eine deutsche Modellrechnung im Vorfeld der G-BA-Entscheidung kam zu dem Schluss, dass das Screening mit einem Kosten-Nutzen-Verhältnis im Bereich anerkannter Vorsorgemaßnahmen liegt. Die teuren Folgekosten einer unentdeckten chronischen Hepatitis, also Zirrhose-Versorgung, Lebertransplantation, Behandlung des Leberzellkarzinoms, übersteigen die Screening- und Therapiekosten erheblich.

Für die einzelne Versicherte stellt sich die Rechnung simpler dar. Eine Blutentnahme im Rahmen eines ohnehin vereinbarten Termins, fünf Minuten zusätzlicher Zeitaufwand, kein Spritzen-Risiko über die normale venöse Punktion hinaus. Im Gegenzug die Information, ob eine über Jahrzehnte symptomlose Erkrankung im Körper läuft, die behandelbar, im Fall von Hepatitis C heute sogar heilbar ist. Wer den Anspruch verpasst, verschiebt die Diagnose im schlimmsten Fall um Jahre. Eine Hepatitis B oder C, die erst im Stadium der dekompensierten Zirrhose auffällt, ist eine andere Erkrankung als eine, die zehn Jahre vorher in einem hausärztlichen Bluttest gefunden wird.

Ein praktischer Hinweis zum Termin: Wer ab 35 einen Check-up vereinbart, sollte den Hepatitis-Test aktiv ansprechen. Die KBV-Daten zeigen, dass viele Praxen den Zuschlag bislang nicht konsequent abrechnen, was Hinweis auf eine ebenso lückenhafte Patientenansprache ist. Die Frage „Wird der Hepatitis-Test heute mitgemacht?" reicht aus, um die Leistung anzustoßen.

Fazit

Der Hepatitis-Test im Check-up 35 ist ein seltener Fall von gesundheitspolitischem Niederschwelligkeit, gut bezahlter Praxisleistung und hoher klinischer Bedeutung in einem Paket. Vier Jahre nach Einführung hat ihn die Mehrheit der Anspruchsberechtigten nicht genutzt. Wer ihn nicht beim ersten Check-up nach dem 35. Geburtstag mitmacht, läuft Gefahr, eine über zwei Jahrzehnte symptomarm verlaufende Erkrankung zu übersehen, die heute in vielen Fällen heilbar wäre. Der einmalige Anspruch ist genau das: einmalig. Beim nächsten Hausarztbesuch nachzufragen, kostet einen Satz.

Verwandte etowi-Themen: Lungenkrebs-Screening für Raucher und Mammographie ab 45 beleuchten zwei weitere strukturierte Früherkennungen, deren Inanspruchnahme ebenfalls hinter den Erwartungen zurückbleibt.

Weiterführende Links

G-BAg-ba.de →Beschluss zur Aufnahme des Hepatitis-Screenings in die Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie
KBVkbv.de →Praxisnachricht vom 14. August 2025 zur Verlängerung der Hepatitis-Vergütung bis 2028
KBVkbv.de →Inhalte und Abrechnungsstruktur des Check-up 35
AWMFregister.awmf.org →S3-Leitlinie Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Hepatitis-C-Virus-Infektion (021/012)
WHOwho.int →Global Hepatitis Report 2024 mit aktuellen Eliminationszielen
RKIrki.de →Ratgeber Hepatitis C mit klinischem Verlauf und Übertragungswegen
Deutsche Leberstiftungdeutsche-leberstiftung.de →Hintergrundinformationen zur Hepatitis B in Deutschland
PMC/JHEP Reportspmc.ncbi.nlm.nih.gov →Erfolg des Hepatitis-Screenings im deutschen Check-up nach zwölf Monaten