Eigentlich müsste die Klimaangst wachsen. 2025 brachte den nächsten Hitzerekord, die CO2-Konzentration in der Atmosphäre kletterte über 425 ppm, im Juli stand Teile Süddeutschlands unter Wasser. Trotzdem geben in der neuen BARMER-SINUS-Jugendstudie 2025/26 nur noch 31 Prozent der 14- bis 17-Jährigen an, grosse Angst vor dem Klimawandel zu haben. 2021 waren es 39 Prozent. Die Themen-Relevanz fiel sogar von 59 auf 42 Prozent. Eine paradoxe Entwicklung, die Forscher und Therapeuten gleichermassen beschäftigt.
Was die BARMER-Studie misst und was nicht
Das SINUS-Institut befragt seit 2021 jährlich rund 2.000 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren für die BARMER. Die aktuelle Welle wurde im Herbst 2025 erhoben, am 1. Mai 2026 veröffentlichte das Institut die Ergebnisse zum Themenblock Klima. Die Methodik ist über die Jahre konstant: gleiche Altersgruppe, gleiche Stichprobengrösse, gleiche Skala. Ob ein Jugendlicher grosse Klimaangst hat, wird über die Werte 8 bis 10 einer Zehnerskala gemessen.
Genau dieser konstante Aufbau macht die Trendaussage belastbar. Die Werte fielen 2022 zunächst auf 37 Prozent, 2023 weiter auf 36 Prozent, und liegen jetzt bei 31 Prozent. Bei der allgemeinen Relevanz war der Sturz noch steiler: Hatten 2021 noch 59 Prozent der Befragten den Klimawandel als sehr wichtiges Thema eingeordnet, sind es 2025 nur noch 42 Prozent. Ein Minus von 17 Prozentpunkten in vier Jahren.
Die Geschlechter-Unterschiede sind erheblich. 55 Prozent der Mädchen erwarten negative Gesundheitsfolgen durch den Klimawandel, bei den Jungen sind es 50 Prozent. Beim Fleischverzicht klafft die Lücke besonders weit auseinander: 48 Prozent der Mädchen wären dazu bereit, aber nur 24 Prozent der Jungen. Auch das Bildungsmilieu spielt eine Rolle. In Haushalten mit höherem Bildungsabschluss liegt der Anteil der gesundheitsbezogenen Klimasorge bei 55 Prozent, in formal niedrigeren Bildungsmilieus deutlich darunter.
Was die Studie nicht misst: ob Klimaangst durch andere Belastungen ersetzt wird oder ob sie tatsächlich verschwindet. Diese Frage entscheidet darüber, ob es sich um Entwarnung handelt oder um etwas anderes.

Andere Sorgen rücken nach
Parallel zum Klimaangst-Rückgang dokumentiert dieselbe Studienreihe einen massiven Aufstieg anderer Themen. Bei der Frage nach grossen Sorgen für die Zukunft Deutschlands liegen Kriege und globale Konflikte mit 63 Prozent inzwischen klar auf Platz eins. 2023 waren es noch rund 53 Prozent, das Plus von etwa zehn Prozentpunkten entspricht ungefähr dem Rückgang bei der Klimasorge. Auch politischer Extremismus und Populismus stehen mit 43 Prozent fast gleichauf mit der Klimakrise.
Wirtschaftliche Sorgen werden mit 28 Prozent vergleichsweise selten genannt, hier hat die persönliche Lage offenbar mehr Gewicht als die makroökonomische Diagnose. Bemerkenswert: Die eigene Zukunft schätzen 80 Prozent der Jugendlichen positiv ein, ein Wert, der sich seit 2021 kaum verändert hat. Auf Deutschland blicken hingegen nur noch 44 Prozent optimistisch, ein Minus von 18 Prozentpunkten gegenüber 2021.
| Sorge der Jugend (Top-2-Wert: gross / sehr gross) | 2021 | 2025/26 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Grosse Angst vor dem Klimawandel | 39 % | 31 % | −8 PP |
| Klimawandel ist „sehr wichtig" | 59 % | 42 % | −17 PP |
| Grosse Sorge vor Kriegen / Konflikten | ca. 53 %* | 63 % | +10 PP |
| Optimismus für Deutschlands Zukunft | 62 % | 44 % | −18 PP |
| Optimismus für eigene Zukunft | 81 % | 80 % | −1 PP |
*2021 wurden Kriegssorgen in vergleichbarer Form nicht erhoben; angegeben ist der nächste verfügbare Vergleichswert aus der Welle 2023. Quelle: BARMER-SINUS-Jugendstudien 2021 bis 2025/26.
Die Konstellation ist auffällig. Die persönliche Wirksamkeit bleibt intakt, das institutionelle Vertrauen erodiert, die Sorgen verteilen sich neu. Klima ist nicht weg, aber Klima ist nicht mehr Nummer eins.
Verdrängung, Gewöhnung oder Realismus
Wie diese Verschiebung zu deuten ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Der Berliner Psychiater Mazda Adli, der an der Charité die Forschungsabteilung Affektive Störungen leitet und seit Jahren zur Schnittstelle Klima und Psyche publiziert, ordnet den Befund in einem Interview mit der BARMER eher als Verdrängung ein. „Wegzugucken kann eine menschliche Reaktion auf Angst sein", sagt Adli. Wenn drei oder vier Krisen gleichzeitig auf den Tisch kommen, sortiert das Gehirn nach Akutheit. Krieg in der Ukraine, Inflation, TikTok-Stress, Schul-Burnout: All das ist konkret, sichtbar, im eigenen Alltag spürbar. Der Klimawandel hingegen wirkt diffuser, langfristiger, weniger steuerbar.
Adli verweist auf eine zweite Mechanik: fehlende Selbstwirksamkeit. „Angst ist erstmal nicht pathologisch", sagt er. Sie wird erst dann zum Problem, wenn sie dauerhaft, unkontrollierbar oder lähmend wirkt. Genau diese Lähmung sei beim Klimathema besonders verbreitet, weil das Gefühl überwiege, dass die eigene Handlung wenig ausrichten könne. In der internationalen Studie von Caroline Hickman und Kollegen aus dem Jahr 2021, in der 10.000 junge Menschen aus zehn Ländern befragt wurden, gaben 59 Prozent an, sehr oder extrem besorgt zu sein. Bei 45 Prozent beeinträchtigte das ihren Alltag und ihr Funktionieren. Drei Viertel hielten die Zukunft für „erschreckend".
Andere Forschende lesen den Befund anders. Möglich ist auch eine Gewöhnung an die Dauerkrise. Wenn jedes Jahr Hitzerekorde gemeldet werden, kann das emotionale Antwortsystem abstumpfen, eine bekannte Habituation im psychologischen Alarmsystem. Eine dritte Lesart wäre eine realistische Neugewichtung: Wenn ein Krieg vor der eigenen Haustür stattfindet, ist es nicht irrational, ihn höher zu ranken. Die Studie selbst trifft hier keine Entscheidung, sie misst Werte, nicht Motive.
Was die Erwachsenenwelt parallel zeigt
Während Jugendliche ihre Klimasorgen reduzieren, geht die Belastung der Erwachsenenwelt unverändert in die andere Richtung. Der DAK-Psychreport 2025, basierend auf Krankschreibungsdaten von rund 2,42 Millionen DAK-versicherten Beschäftigten, dokumentiert 342 Fehltage je 100 Versicherte aus psychischen Gründen. Depressionen verursachten allein 183 dieser Fehltage, ein Anstieg um rund 50 Prozent in den vergangenen zehn Jahren. Frauen kommen auf 431 Fehltage je 100 Versicherte, Männer auf 266.
Eine direkte Parallele zwischen Klimaangst und arbeitsbedingten Fehltagen lässt sich daraus nicht ziehen, die DAK erfasst keine Diagnosen mit Klima-Bezug. Aber das Bild bleibt konsistent: Auch bei den Älteren steigt die psychische Gesamtbelastung, ohne dass dies zwingend an einer einzigen Ursache hängt. Eine vorangegangene SINUS-Welle 2024/25 zur mentalen Gesundheit der Jugendlichen zeigte, dass bereits 61 Prozent der 14- bis 17-Jährigen selbst eine Phase psychischer Belastung erlebt hatten. Drei Viertel kannten jemanden im eigenen Umfeld mit psychischen Problemen. Klimasorge ist also kein isoliertes Phänomen, sondern eingebettet in eine breitere Belastungslandschaft.
Genau hier wird die Interpretationsfrage praktisch. Wenn ein Teenager über Schlafprobleme, Konzentrationsstörungen oder eine diffuse Hoffnungslosigkeit klagt, wird das schnell unter dem Etikett Klimaangst eingeordnet. Schliesslich sind Klima-Themen mediennah, der Begriff Klimaangst ist seit der Hickman-Studie etabliert, in Beratungsstellen wird er angeboten. Aber das Etikett kann auch in die Irre führen.

Wie Klimaangst eigentlich gemessen wird
In der psychometrischen Forschung hat sich die Hogg Eco-Anxiety Scale (HEAS-13) als Standardinstrument etabliert. Die Skala, ursprünglich 2021 in Neuseeland validiert, misst Klimaangst über 13 Items in vier Dimensionen: affektive Symptome (Anspannung, Sorge), Rumination (kreisende Gedanken über die ökologische Lage), Verhaltenssymptome (Rückzug, Beeinträchtigung in Schule oder Beruf) und Sorge wegen des eigenen ökologischen Fussabdrucks. Geantwortet wird auf einer vierstufigen Likert-Skala von 0 (überhaupt nicht) bis 3 (fast jeden Tag).
Eine deutsche Validierung der Skala erschien 2023 in Frontiers in Psychology durch Heinzel und Kollegen, mit guter interner Konsistenz für die vier Sub-Skalen. Das macht einen wichtigen Unterschied zur BARMER-Befragung: Die SINUS-Frage „grosse Angst vor dem Klimawandel" erfasst eine subjektive Selbsteinschätzung, kein klinisch geschärftes Konstrukt. Beide Instrumente haben ihren Platz: Bevölkerungsumfragen für den Trend, validierte Skalen für die Forschung und gegebenenfalls die Diagnostik.
Für die Einordnung der aktuellen Zahlen ist das relevant. Der Rückgang von 39 auf 31 Prozent bedeutet nicht, dass weniger Jugendliche klinisch relevante Symptome haben. Er bedeutet, dass weniger Jugendliche dem Klimathema spontan die höchste Stufe geben. Das ist eine andere Aussage.
Was das für Eltern, Schulen und Beratungsstellen heisst
Wer in einem Beratungsanlass jemanden vor sich hat, der oder die psychisch belastet wirkt, sollte das Klima-Label nicht voreilig setzen. Die SINUS-Daten legen nahe, dass Jugendliche heute aus einem Bündel an Sorgen schöpfen, das vom Krieg über Schulstress, Social-Media-Druck, Erschöpfung der Eltern bis zur Wohnungsfrage reicht. Eine offene Frage nach den belastenden Themen liefert ein vollständigeres Bild als eine geschlossene Frage nach „Klimaangst".
Auch bei der Versorgung lohnt die Differenzierung. Eine psychotherapeutische Sitzung kostet ausserhalb der Kassenleistung zwischen 80 und 120 Euro, in Grossstädten und bei Privatpraxen häufig auch mehr. Wer mit dem Vorgefühl in die Sprechstunde geht, „Klimaangst" zu haben, riskiert, dass die Sitzungen zwar das Klimathema bearbeiten, andere Faktoren aber unbeleuchtet bleiben. Das ist nicht falsch, aber möglicherweise unvollständig. Adlis Ansatz, die Selbstwirksamkeit der Betroffenen zu stärken statt nur die Sorge zu pathologisieren, dürfte hier praktikabel bleiben. Aktivität, sei sie politisch, sportlich oder schulisch, wirkt nach seiner Lesart als angstreduzierender Anker.
Für Schulen heisst das: Klima-AGs und Aktionswochen bleiben sinnvoll, weil sie Selbstwirksamkeit konkret machen. Sie ersetzen aber keine niedrigschwellige psychologische Anlaufstelle, die auch andere Belastungsthemen aufgreift. Krankenkassen wie BARMER, AOK oder Techniker bieten inzwischen kostenfreie Online-Coaching-Programme für Jugendliche an, mit denen Belastungslagen niedrigschwellig adressiert werden können, bevor eine Therapie überhaupt nötig wird.
Fazit
Der Rückgang der Klimaangst von 39 auf 31 Prozent ist keine gute Nachricht im Sinne einer Entwarnung. Er fällt in eine Phase, in der die psychische Gesamtbelastung der Jugendlichen unverändert hoch bleibt und andere Sorgen, allen voran Kriege und politische Extremismen, deutlich zulegen. Die wahrscheinlichste Lesart ist eine Umschichtung im Sorgen-Portfolio, weniger eine Entlastung des emotionalen Systems.
Wer als Elternteil, Lehrkraft oder Beratungsperson auf einen belasteten Teenager trifft, fährt besser, wenn statt eines Themen-Etiketts die offene Frage steht: Was beschäftigt dich gerade. Die Antworten dürften 2026 vielfältiger ausfallen als noch vor fünf Jahren. Das Klima ist Teil der Antwort, aber selten allein.





