In der deutschen Krankenstands-Statistik hat sich in diesem Sommer etwas verschoben, das Arbeitsmediziner seit Jahren kommen sahen. Am 20. Juli veröffentlichte die DAK-Gesundheit ihre Halbjahresanalyse für 2026, gerechnet vom Berliner IGES Institut auf Basis der Daten von 2,2 Millionen erwerbstätigen Versicherten. Das Ergebnis: Psychische Erkrankungen sind erstmals der häufigste Grund für Fehltage im Job. 184 Ausfalltage je 100 Versicherte entfielen im ersten Halbjahr auf Diagnosen wie Depressionen, Angst- und Anpassungsstörungen. Atemwegserkrankungen, jahrzehntelang die unangefochtene Nummer eins, kommen nur noch auf 175 Tage, Muskel-Skelett-Erkrankungen auf 174. Die Erkältung hat ihren Spitzenplatz verloren, und zwar nicht an den Rücken, sondern an die Psyche.
Ein Rekord im Halbjahr des sinkenden Krankenstands
Das Überraschende an dieser Wende ist der Moment, in dem sie passiert. Man würde erwarten, dass ein historischer Spitzenwert bei psychischen Diagnosen in ein Halbjahr fällt, in dem Deutschland insgesamt kränker wird. Das Gegenteil ist der Fall: Der Krankenstand sank im ersten Halbjahr 2026 leicht auf 5,3 Prozent, 0,1 Prozentpunkte weniger als im Vorjahreszeitraum. An einem durchschnittlichen Arbeitstag waren 53 von 1.000 Beschäftigten krankgeschrieben.
Die Wende hat also zwei Treiber, und nur einer davon heißt Psyche. Die Fehltage wegen psychischer Erkrankungen stiegen gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 um 9 Prozent. Gleichzeitig brachen die Fehltage wegen Atemwegserkrankungen um 21 Prozent ein, weil die Infektsaison deutlich milder ausfiel als im Vorjahr. Die Psyche hat die Erkältung demnach nicht nur eingeholt, die Erkältung ist ihr auch entgegengekommen. Wäre die Grippewelle normal ausgefallen, stünde die alte Reihenfolge vermutlich noch.
Das schmälert den Befund nicht, es präzisiert ihn. Denn der Anstieg bei den psychischen Diagnosen ist kein Ausreißer eines einzelnen Halbjahres, sondern das vorläufige Ende einer sehr langen Kurve. Die Techniker Krankenkasse beziffert in ihrem Gesundheitsreport 2026 den altersbereinigten Anstieg der Fehlzeiten wegen psychischer Störungen seit 2006 auf 164 Prozent. Im Jahr 2006 war eine Erwerbsperson im Schnitt 1,4 Tage pro Jahr mit einer psychischen Diagnose krankgeschrieben, 2025 waren es 3,8 Tage.
Berufsunfähigkeit absichern
40,4 Prozent der neuen Erwerbsminderungsrenten gehen auf die Psyche zurück. Absichern kann sich nur, wer noch gesund ist. Der Vergleich zeigt passende Tarife.
AnzeigeWenige Fälle, sehr lange Ausfälle
Wer verstehen will, warum ausgerechnet die Psyche die Statistik anführt, muss auf die Falldauer schauen. Eine durchschnittliche Krankschreibung dauerte bei der DAK im ersten Halbjahr 9,7 Tage. Ein Atemwegsinfekt ist nach TK-Daten im Schnitt nach rund sechs Tagen ausgestanden. Ein psychisch bedingter Ausfall dauerte bei der Techniker im Jahr 2025 dagegen im Mittel 42 Tage bei Männern und 40 Tage bei Frauen. Der Barmer-Gesundheitsreport 2026 kommt auf denselben Wert: rund 40 Tage je Fall.
Psychische Erkrankungen dominieren die Fehltage-Statistik also nicht, weil sich ständig jemand mit einer Depression krankmeldet. Sie dominieren sie, weil jeder einzelne Fall das Vielfache eines Infekts kostet. Vier von fünf Krankschreibungen wegen eines Atemwegsinfekts fallen in dieselbe Zeit, in der ein einziger psychisch bedingter Fall noch läuft.
Bemerkenswert ist auch, wie ungleich die Entwicklung verteilt ist. Bei den weiblichen Versicherten der Techniker stand die Psyche schon 2025 auf Platz eins: 477 Fehltage je 100 Versicherungsjahre gegenüber 440 durch Atemwegserkrankungen. Frauen waren mit 4,8 psychisch bedingten Fehltagen pro Kopf deutlich häufiger betroffen als Männer mit 3,0 Tagen. Die viel zitierte Wende des Jahres 2026 ist für einen erheblichen Teil der Beschäftigten also gar keine Neuigkeit, sondern seit Jahren Alltag.
Ob hinter den Kurven eine tatsächlich kränkere Gesellschaft steht oder eine ehrlichere, ist unter Fachleuten weiter offen. Ein Teil des Anstiegs gilt als Diagnose-Effekt: Was früher als Rückenschmerz oder Magenproblem verschlüsselt wurde, heißt heute öfter beim Namen, weil Hausärzte genauer hinschauen und Beschäftigte offener über seelische Belastung sprechen. Für Betroffene ist diese Debatte allerdings zweitrangig. Relevanter ist, was ein 40-Tage-Ausfall praktisch bedeutet. Wer bei sich selbst über Wochen Erschöpfung, Rückzug oder Antriebslosigkeit beobachtet, findet im Ratgeber zu den Warnsignalen psychischer Erkrankungen eine Einordnung, ab wann ärztliche Abklärung sinnvoll ist.
Die Zahlen der Kassen im Vergleich
| Diagnosegruppe | DAK, 1. Halbjahr 2026 (AU-Tage je 100 Versicherte) | Veränderung zum 1. Halbjahr 2025 | TK, Gesamtjahr 2025 (AU-Tage je 100 Versicherungsjahre) |
|---|---|---|---|
| Psychische Erkrankungen | 184 | +9 Prozent | 381 |
| Atemwegserkrankungen | 175 | -21 Prozent | 396 |
| Muskel-Skelett-Erkrankungen | 174 | unverändert | 262 |
Dass die Kassen leicht unterschiedliche Rangfolgen melden, liegt an Versichertenstruktur und Zeitraum: Die TK zählt das Gesamtjahr 2025, in dem die Infektwellen noch kräftiger ausfielen, die Barmer sah die Psyche mit 21,9 Prozent aller Fehltage bereits 2025 vorn. Die Richtung ist bei allen dieselbe, nur das Tempo unterscheidet sich.

Ab Woche sieben schrumpft das Gehalt
Die 40-Tage-Falldauer hat eine Pointe, die in den Pressemitteilungen der Kassen nicht vorkommt: Sie liegt haarscharf an der wichtigsten Geldgrenze des deutschen Sozialrechts. Nach dem Entgeltfortzahlungsgesetz zahlt der Arbeitgeber bei Krankheit sechs Wochen lang das volle Gehalt weiter, also 42 Kalendertage. Ein durchschnittlicher psychischer Krankheitsfall reicht damit fast exakt bis an diese Grenze, und jeder überdurchschnittliche Fall darüber hinaus. Bei Depressionen sind Krankschreibungen über mehrere Monate keine Seltenheit.
Ab dem 43. Tag übernimmt die Krankenkasse und zahlt Krankengeld. Das beträgt 70 Prozent des Bruttoentgelts, höchstens aber 90 Prozent des Nettoentgelts, und ist 2026 auf 135,63 Euro pro Kalendertag gedeckelt. Von diesem Betrag gehen noch die Arbeitnehmeranteile zur Renten-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung ab, zusammen rund 12 Prozent. Krankengeld ist steuerfrei, erhöht über den Progressionsvorbehalt aber den Steuersatz auf das übrige Jahreseinkommen.
Ein Rechenbeispiel: Wer 4.000 Euro brutto und rund 2.700 Euro netto im Monat verdient, erhält als Krankengeld zunächst 81 Euro pro Kalendertag, weil hier die 90-Prozent-Netto-Grenze greift. Das sind 2.430 Euro im Monat, nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge bleiben gut 2.100 Euro. Die Lücke zum bisherigen Netto beträgt damit rund 560 Euro, Monat für Monat. Wer einen Kredit bedient oder allein für eine Familie verdient, spürt das ab dem ersten Krankengeld-Monat.
| Zeitraum der Arbeitsunfähigkeit | Wer zahlt | Höhe |
|---|---|---|
| Woche 1 bis 6 | Arbeitgeber (Entgeltfortzahlung) | 100 Prozent des Gehalts |
| Woche 7 bis 78 | Krankenkasse (Krankengeld) | 70 Prozent brutto, maximal 90 Prozent netto, 2026 höchstens 135,63 Euro pro Kalendertag |
| Ab Woche 79 | Aussteuerung | Krankengeld endet, es folgen Arbeitslosengeld bei Arbeitsunfähigkeit oder Erwerbsminderungsrente |
Wichtig für die Planung: Krankengeld wegen derselben Erkrankung gibt es für höchstens 78 Wochen innerhalb von drei Jahren, die sechs Wochen Entgeltfortzahlung werden auf diese Frist angerechnet. Danach steuert die Kasse aus, auch wenn die Erkrankung fortbesteht.
Was der Arbeitgeber erfährt und was nicht
An kaum einer Stelle kursiert so viel Halbwissen wie bei der Frage, was der Chef über eine psychische Erkrankung erfahren darf. Die Antwort ist beruhigend klar: nichts, solange Sie es nicht selbst erzählen. Seit der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ruft der Arbeitgeber bei der Krankenkasse nur Beginn und Dauer der Krankschreibung ab. Die Diagnose ist in diesem Datensatz nicht enthalten, sie steht ausschließlich auf der Ausfertigung für die Kasse. Eine Pflicht, die Art der Erkrankung offenzulegen, besteht weder bei der Krankmeldung noch im Personalgespräch.
Nach längerer Krankheit folgt oft ein Brief mit drei Buchstaben: BEM, das Betriebliche Eingliederungsmanagement. Nach Paragraf 167 des Neunten Sozialgesetzbuchs muss der Arbeitgeber es allen Beschäftigten anbieten, die innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig waren. Das Angebot ist Pflicht, die Teilnahme ist es nicht: Sie können ablehnen, ohne dass Ihnen daraus rechtliche Nachteile entstehen dürfen. Für Arbeitgeber ist ein unterlassenes BEM dagegen riskant, denn nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts erschwert es eine spätere krankheitsbedingte Kündigung erheblich.
Für die Rückkehr selbst hat sich die stufenweise Wiedereingliederung bewährt, besser bekannt als Hamburger Modell. Dabei steigen Sie nach Plan des behandelnden Arztes mit reduzierter Stundenzahl wieder ein, etwa erst zwei, dann vier, dann sechs Stunden täglich über mehrere Wochen. Rechtlich gelten Sie in dieser Zeit weiter als arbeitsunfähig, das Krankengeld läuft weiter, der Arbeitgeber zahlt noch kein Gehalt. Gerade nach psychischen Erkrankungen gilt der gestufte Einstieg als deutlich rückfallsicherer als die Rückkehr von null auf hundert.

Wenn der Weg zurück nicht gelingt
Die Fehltage-Statistik hat einen älteren, härteren Vorläufer: die Rentenstatistik. Bei den neuen Erwerbsminderungsrenten ist die Psyche längst die unangefochtene Nummer eins. Von den rund 172.000 Erwerbsminderungsrenten, die 2024 neu bewilligt wurden, entfielen nach der Rentenzugangsstatistik der Deutschen Rentenversicherung 69.294 auf die Indikationsgruppe Psychosomatik und Psychotherapie, ein Anteil von 40,4 Prozent. Die zweitgrößte Gruppe, Krebserkrankungen, folgt mit 14,1 Prozent weit dahinter. Für 2025 meldete das Bundesarbeitsministerium auf eine Anfrage der Linksfraktion knapp 74.800 psychisch bedingte Neuzugänge, den höchsten Wert seit zehn Jahren.
Wer hier ankommt, hat ein Einkommensproblem, gegen das die Krankengeld-Lücke harmlos wirkt. Die volle Erwerbsminderungsrente setzt voraus, dass Sie keiner Tätigkeit des allgemeinen Arbeitsmarkts mehr als drei Stunden täglich nachgehen können, und sie beträgt im Durchschnitt rund 1.059 Euro brutto im Monat. Die staatliche Absicherung gegen den krankheitsbedingten Ausfall der Arbeitskraft ist damit eher ein Notnagel als ein Ersatz. Welche private Vorsorge diese Lücke schließen kann und worauf es bei der Gesundheitsprüfung ankommt, erklärt der Ratgeber zur Berufsunfähigkeitsversicherung. Dort zeigt sich dieselbe Rangfolge übrigens noch einmal: Auch bei privaten Berufsunfähigkeitsfällen sind psychische Erkrankungen mit rund 38 Prozent die häufigste Ursache.
Fazit
Die Wende in der Fehltage-Statistik ist weniger ein plötzlicher Kollaps der deutschen Arbeitnehmerseele als das Sichtbarwerden einer langen Verschiebung: Infekte werden milder erfasst, psychische Diagnosen ehrlicher gestellt, und jeder einzelne dieser Fälle dauert im Schnitt 40 Tage. Genau diese Dauer macht das Thema zur Geldfrage. Ein durchschnittlicher psychischer Krankheitsfall reicht bis an die Grenze der Lohnfortzahlung, ein überdurchschnittlicher führt in monatelange Krankengeld-Phasen mit spürbaren Einbußen und im schlechtesten Fall in eine Erwerbsminderungsrente von gut 1.000 Euro.
Daraus folgen drei nüchterne Konsequenzen. Erstens: Kennen Sie Ihre Zahlen, bevor Sie sie brauchen, insbesondere die Höhe Ihres Krankengelds und die 78-Wochen-Frist. Zweitens: Kennen Sie Ihre Rechte, von der Diagnose, die den Arbeitgeber nichts angeht, über das freiwillige BEM bis zum Hamburger Modell. Drittens: Nehmen Sie anhaltende Erschöpfung ernst, bevor sie zur Langzeit-Krankschreibung wird. Eine Orientierung, wann ein Stimmungstief die Kriterien einer Depression erfüllt, ersetzt kein Arztgespräch, senkt aber die Schwelle, eines zu führen.




