Im März 2024 veröffentlichte das New England Journal of Medicine eine Studie, die in der Kardiologie seither nicht zur Ruhe gekommen ist: Bei 257 Patienten mit verengter Halsschlagader fanden italienische Forscher um Raffaele Marfella in 58,4 Prozent der entnommenen Plaques Polyethylen-Partikel. Diese Gruppe hatte über 34 Monate ein 4,5-fach erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder Tod aus jeder Ursache. Im Dezember 2025 stellte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) fest, dass mehr als 80 Prozent der Deutschen Mikroplastik im Körper für gesundheitsschädlich halten, das BfR selbst aber das Risiko aktuell als "eher gering" einstuft. Im November 2025 lieferte eine Maus-Studie aus Riverside den ersten kausalen Hinweis. Wer den Befund einordnen will, muss sich durch eine erstaunlich differenzierte Studienlage arbeiten.

Was Marfella und Kollegen tatsächlich gemessen haben

Die NEJM-Studie (DOI: 10.1056/NEJMoa2309822) war eine prospektive, multizentrische Beobachtungsstudie an italienischen Patienten, die wegen einer asymptomatischen Karotisstenose operiert wurden. Bei der Operation, einer sogenannten Karotis-Endarterektomie, wurde der verengende Plaque chirurgisch entfernt. Marfella und sein Team analysierten 257 dieser entnommenen Gewebeproben mittels Pyrolyse-Gaschromatographie-Massenspektrometrie auf das Vorhandensein von Mikro- und Nanoplastik.

Die zentralen Zahlen: Polyethylen fand sich in 150 Plaques (58,4 Prozent) mit einer mittleren Konzentration von 21,7 Mikrogramm pro Milligramm Plaque-Gewebe. Polyvinylchlorid trat bei 31 Patienten (12,1 Prozent) auf, deutlich seltener und in geringeren Mengen. Bei 107 Patienten wurden keine Kunststoffrückstände nachgewiesen. Primärer Endpunkt war ein kombinierter klinischer Endpunkt aus nichttödlichem Herzinfarkt, nichttödlichem Schlaganfall oder Tod jeder Ursache, beobachtet über durchschnittlich 33,7 Monate.

Das Ergebnis: In der Gruppe mit nachweisbarem Mikroplastik im Plaque traten signifikant häufiger Ereignisse auf. Der Hazard Ratio lag bei 4,53 (95-Prozent-Konfidenzintervall 2,00 bis 10,27, p kleiner 0,001). Damit war das Risiko der Mikroplastik-positiven Gruppe statistisch das 4,5-Fache der negativen Gruppe.

Was die Studie nicht zeigt: einen kausalen Mechanismus. Beobachtungsstudien können keine Ursache-Wirkungs-Beziehung beweisen. Die Polyethylen-positiven Patienten könnten sich in vielen weiteren Merkmalen von den Negativen unterschieden haben, etwa in Lebensstil, Wohnumgebung oder beruflicher Exposition. Marfella selbst formuliert in der Diskussion vorsichtig: Die Befunde rechtfertigen weitere Forschung, sind aber kein Beweis dafür, dass die Kunststoffpartikel die kardiovaskulären Ereignisse verursacht haben.

Polyethylen kommt aus Tüten, nicht aus Mineralwasserflaschen

Eine in der öffentlichen Berichterstattung häufig falsch eingeordnete Detailangabe: Polyethylen (PE) ist nicht Polyethylenterephthalat (PET). PE ist der Kunststoff, aus dem Plastiktüten, Frischhaltefolien, Müllbeutel, Shampoo-Flaschen, Spielzeug und Lebensmittelverpackungen bestehen. PET hingegen ist das Material klassischer Mineralwasserflaschen. Wer aus der Marfella-Studie ableitet, man solle Plastikflaschen meiden, hat einen anderen Kunststoff vor Augen als den, der im NEJM-Befund dominiert.

Polyethylen ist mit weltweit über 100 Millionen Tonnen Jahresproduktion der mengenmäßig wichtigste Kunststoff überhaupt. Es zerfällt in der Umwelt langsam in immer kleinere Partikel, die über Atemluft, Trinkwasser, Hausstaub und Lebensmittel in den menschlichen Körper gelangen können. Wo genau die in den Karotis-Plaques nachgewiesenen PE-Partikel ihren Ursprung hatten, lässt sich aus der Studie nicht ableiten.

In 58,4 Prozent der Karotis-Plaques wiesen Marfella und Kollegen Polyethylen-Partikel nach, den häufigsten Kunststoff weltweit, der hauptsächlich aus Tüten, Folien und Verpackungen stammt
In 58,4 Prozent der Karotis-Plaques wiesen Marfella und Kollegen Polyethylen-Partikel nach, den häufigsten Kunststoff weltweit, der hauptsächlich aus Tüten, Folien und Verpackungen stammt

Wie die deutschen Behörden den Befund einordnen

Das BfR hat zur Marfella-Studie eine eigene Bewertung vorgelegt. In der Mitteilung 026/2024 vom 19. Juni 2024 stellt die Behörde fest, die italienische Arbeit beschreibe Korrelationen, keine Kausalitäten. Aus den Daten lasse sich kein bevölkerungsrelevantes Risiko ableiten, schon weil die Studienpopulation hochselektiv war, ausschließlich Patienten mit operationsbedürftiger Halsschlagaderverengung.

In der Mitteilung 055/2025 vom 2. Dezember 2025 thematisiert das BfR die Diskrepanz zwischen wissenschaftlichem Kenntnisstand und öffentlicher Wahrnehmung. Mehr als 80 Prozent der Befragten in einer repräsentativen Umfrage gaben an, Mikroplastik im Körper könne bestehende Krankheiten verschlimmern. Das BfR hält dagegen: "Nach aktuellem Stand der Wissenschaft stellt Mikroplastik eher ein geringes Gesundheitsrisiko dar." Ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Vorkommen von Mikroplastikpartikeln im Körper und konkreten Erkrankungen sei nach heutigem Wissensstand nicht belegt. Der überwiegende Teil aufgenommener Partikel werde unverändert ausgeschieden.

Auf der anderen Seite steht die Sicht der Kardiologie. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie verweist auf ihrer Fachinformations-Plattform Herzmedizin auf die Marfella-Studie und ordnet das Thema als möglichen "emerging cardiovascular risk factor" ein. Professor Thomas Münzel, Universitätsmedizin Mainz und einer der prominentesten Vertreter der Umweltkardiologie in Deutschland, betont in seiner Stellungnahme allerdings: "Wir sind sicherlich noch weit davon entfernt", Mikroplastik formal als kardiovaskulären Risikofaktor zu deklarieren. Münzel verweist auf die Notwendigkeit zahlreicher weiterer klinischer und tierexperimenteller Studien. Das im Heft 20/2025 erschienene Übersichtspapier im Deutschen Ärzteblatt (Autoren: Janzik, Sieg, Braeuning, Böl, alle BfR Berlin) fasst die Evidenzlage in vergleichbar zurückhaltendem Ton zusammen.

Die folgende Tabelle stellt die wichtigsten Positionen gegenüber

Quelle Datum Befund Risikobewertung
Marfella et al., NEJM 03/2024 58,4 Prozent der Karotis-Plaques enthielten Polyethylen, 4,5-fach erhöhtes Ereignisrisiko über 34 Monate Statistische Assoziation, keine Kausalität nachgewiesen
BfR Mitteilung 026/2024 06/2024 Bewertet Marfella als Korrelationsstudie ohne Beweiskraft für die Allgemeinbevölkerung Selektive Studienpopulation, kein Risikosignal ableitbar
BfR Mitteilung 055/2025 12/2025 Über 80 Prozent der Bevölkerung sehen Mikroplastik als gesundheitsschädlich Eher geringes Gesundheitsrisiko nach aktueller Wissenschaft
Zhou et al., Environment International 11/2025 Mäuse mit Mikroplastik-Exposition: 63 Prozent mehr Plaque in der Aortenwurzel, 624 Prozent in der Arteria brachiocephalica (nur männlich) Erster kausaler Hinweis im Tiermodell, nicht direkt auf Menschen übertragbar
DGK / Münzel 2025 Marfella ernst nehmen, aber zahlreiche weitere Studien nötig "Emerging risk factor", noch kein etablierter Risikofaktor

Was die November-2025-Maus-Studie ergänzt

Am 17. November 2025 erschien in Environment International eine experimentelle Studie der University of California in Riverside (Erstautorenschaft: Changcheng Zhou und Kollegen, in Kooperation mit Boston Children's Hospital, Harvard Medical School und University of New Mexico). Die Forscher gaben genetisch modifizierten Mäusen, denen der LDL-Rezeptor fehlt und die deshalb für Arteriosklerose anfällig sind, neun Wochen lang täglich 10 Milligramm Mikroplastik pro Kilogramm Körpergewicht. Diese Dosis sollte realistische Umweltexpositionen im menschlichen Alltag annähern.

Die Ergebnisse waren deutlich, aber geschlechtsspezifisch: Männliche Mäuse entwickelten 63 Prozent mehr Plaque in der Aortenwurzel und 624 Prozent mehr Plaque in der Arteria brachiocephalica als nicht exponierte Kontrolltiere. Weibliche Mäuse zeigten keine signifikante Verstärkung der Arteriosklerose. Gewicht und Cholesterinwerte blieben in beiden Gruppen unverändert. Mittels Einzelzell-RNA-Sequenzierung konnte das Team zeigen, dass die Mikroplastikpartikel die Endothelzellen der Blutgefäße veränderten, also genau jene Zellen, die für die Regulation von Entzündung und Durchblutung zuständig sind.

Damit liefert die Studie erstmals einen plausiblen biologischen Mechanismus, der über reine Statistik hinausgeht. Wichtig ist die Einordnung: Mäuse sind keine Menschen, die experimentelle Exposition entsprach nicht zwingend der realen Umweltbelastung, und die geschlechtsspezifische Wirkung wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Die Plastiksorte, mit der die Mäuse exponiert wurden, beschreibt die Originalpublikation als Mikroplastik allgemein; eine direkte Brücke zu den Polyethylen-Funden bei Marfella lässt sich daraus methodisch nicht schlagen.

Trotzdem markiert der Befund einen Schritt: Die bisher rein assoziative Studienlage bekommt durch das Mausmodell einen mechanistischen Anker. Was vorher nur Korrelation war, hat im Tiermodell zumindest die plausible Möglichkeit, dass Kunststoffpartikel direkt am Atheroskleroseprozess mitwirken.

Detail einer typischen Polyethylen-Folie aus dem Haushalt: Tüten, Frischhaltefolien und Verpackungen sind der Hauptquelle des in Plaques nachgewiesenen Kunststoffs
Detail einer typischen Polyethylen-Folie aus dem Haushalt: Tüten, Frischhaltefolien und Verpackungen sind der Hauptquelle des in Plaques nachgewiesenen Kunststoffs

Asymmetrische Schadensvermeidung: Was sich daraus praktisch ableiten lässt

Die Studienlage ist 2026 weder alarmistisch noch entwarnend. Ein statistisches Signal aus einer einzelnen, methodisch sauberen, aber selektiven Beobachtungsstudie. Eine erste experimentelle Stütze aus dem Mausmodell. Ein BfR, das das Bevölkerungsrisiko aktuell als gering einstuft. Eine Kardiologen-Fachgesellschaft, die das Thema beobachtet, aber noch keinen formalen Risikofaktor proklamiert.

Was bedeutet das für eine vernünftige Entscheidung im Haushalt? Hier kommt das Prinzip der asymmetrischen Schadensvermeidung ins Spiel: Wenn die Kosten einer Vermeidungsmaßnahme niedrig und ihre Nebenwirkungen null sind, lohnt sie sich auch bei unklarer Evidenz. Plastikvermeidung im Haushalt fällt in diese Kategorie. Eine Edelstahlbox statt PE-Folie für Lebensmittel kostet einmalig 15 bis 30 Euro. Glasflaschen statt PET kosten Pfand statt Kaufpreis. Ein Stoffbeutel statt Plastiktüte kostet einmal 2 Euro. Die Größenordnung der Gesamtumstellung im Privathaushalt liegt typischerweise bei 50 bis 200 Euro einmalig.

Im Gegenzug: Selbst wenn der NEJM-Befund sich in den nächsten Jahren als zufällig oder verzerrt herausstellen sollte, schadet die Plastikvermeidung nicht. Sie reduziert Mikroplastik in Umwelt und Haushalt, hat positive Sekundäreffekte auf Abfallmengen und ist mit keiner gesundheitlichen Nebenwirkung verbunden. Die Vermeidung von Polyethylen-Folie zur Lebensmittelaufbewahrung ist eine Maßnahme, deren Nutzen unbestritten ist, sobald man Verpackungsabfall mitdenkt, und deren möglicher gesundheitlicher Zusatznutzen das Risiko-Nutzen-Verhältnis weiter zugunsten der Vermeidung verschiebt.

Was die Datenlage nicht trägt, sind drei Dinge: Erstens individuelle Therapieentscheidungen ableiten aus den NEJM-Daten, zum Beispiel zusätzliche Untersuchungen verlangen, ohne klinischen Anlass. Zweitens Panik bei bestehenden Herz-Kreislauf-Patienten schüren, deren ärztlich begleitete Risikofaktor-Behandlung (Blutdruck, Cholesterin, Rauchen) weiterhin die priorisierte Maßnahme ist. Drittens kommerzielle Angebote ernst nehmen, die "Mikroplastik-Tests" oder "Plastik-Detox"-Kuren versprechen. Solche Tests sind weder standardisiert noch klinisch validiert.

Fazit

Die Marfella-Studie hat einen statistischen Befund geliefert, der ernst genug ist, dass die DGK ihn auf der Beobachtungsliste hat, und unklar genug, dass das BfR bei seiner Einstufung als geringes Bevölkerungsrisiko bleibt. Die Maus-Studie aus Riverside hat im November 2025 den ersten mechanistischen Hinweis geliefert, dass Mikroplastik tatsächlich an der Plaquebildung mitwirken kann, mit allen Einschränkungen, die Tiermodelle gegenüber dem Menschen haben. Wer dem Thema vernünftig begegnen will, kann die Plastikvermeidung im Haushalt ohne Reue umsetzen. Wer mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko lebt, sollte die etablierten Risikofaktoren mit der Hausärztin priorisieren. Die Plastik-Frage ist 2026 keine Notfallfrage, sondern eine Beobachtungsfrage. Ob sie in den kommenden Jahren zum etablierten Risikofaktor wird, entscheiden große prospektive Studien, deren Designs derzeit in Vorbereitung sind.

Weiterführende Links

NEJMnejm.org →Marfella et al., Microplastics and Nanoplastics in Atheromas and Cardiovascular Events (03/2024)
BfR Mitteilung 026/2024bfr.bund.de →Erhöhen Mikroplastikpartikel das Risiko für einen Schlaganfall?
BfR Mitteilung 055/2025bfr.bund.de →Mikroplastik, Diskrepanz zwischen Wissenschaft und öffentlicher Wahrnehmung
Deutsches Ärzteblatt 20/2025aerzteblatt.de →Mikroplastik, Evidenzlage zu gesundheitlichen Auswirkungen
DGK Herzmedizinherzmedizin.de →Mikro- und Nanoplastik als kardiovaskulärer Risikofaktor
UC Riverside Newsnews.ucr.edu →Microplastics hit male arteries hard (11/2025)
BfRbfr.bund.de →Mikroplastik im Gehirn, Bewertung der neuesten Studienlage