Rund 15 Prozent der Erwachsenen in Deutschland erkranken innerhalb eines Jahres an einer Angststörung. Seit der Corona-Pandemie steigen die Zahlen kontinuierlich. Gleichzeitig wächst die Nachfrage nach pflanzlichen Alternativen zu Benzodiazepinen und Antidepressiva. Die Versprechen der Hersteller sind verlockend: natürlich, nebenwirkungsarm, rezeptfrei. Doch was sagt die Forschung tatsächlich? Ein nüchterner Blick auf die Studienlage zeigt: Einige Phytopharmaka haben erstaunlich gute Evidenz, andere sind kaum mehr als Folklore. Und wer eine echte Angststörung hat, kommt mit Kräutern allein nicht weit.
Angst ist nicht gleich Angststörung
Bevor es um Pflanzenwirkstoffe geht, muss eine Unterscheidung stehen, die in der Naturheilkunde-Szene gern verwischt wird: Der Unterschied zwischen normaler Angst und einer klinischen Angststörung.
Angst ist zunächst eine sinnvolle Reaktion. Sie schärft die Aufmerksamkeit, mobilisiert Energie, schützt vor Gefahren. Das Herz schlägt schneller, die Muskeln spannen sich an, der Körper bereitet sich auf Kampf oder Flucht vor. In einer tatsächlich bedrohlichen Situation kann das lebensrettend sein. Problematisch wird es, wenn die Angst ohne angemessenen Auslöser auftritt, unverhältnismäßig stark ausfällt oder so lange anhält, dass sie den Alltag beeinträchtigt. Dann sprechen Fachleute von einer Angststörung. Die wichtigsten Formen: die generalisierte Angststörung (GAS) mit einem permanenten Grundgefühl von Sorge und Anspannung, die Panikstörung mit plötzlichen, intensiven Angstanfällen, die soziale Phobie mit der Furcht vor Bewertung durch andere und spezifische Phobien wie Höhenangst oder Flugangst.
Die Zahlen des Robert Koch-Instituts zeigen, dass im Jahr 2024 etwa 8,1 Prozent der Erwachsenen eine Angststörung diagnostiziert bekamen. Frauen waren mit 10,2 Prozent fast doppelt so häufig betroffen wie Männer mit 5,6 Prozent. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.
Entscheidend ist: Die deutsche S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen, erarbeitet von 20 Fachverbänden, empfiehlt als Erstlinientherapie die kognitive Verhaltenstherapie sowie bei Bedarf Medikamente wie SSRI oder SNRI. Pflanzliche Mittel können eine Ergänzung sein, ersetzen bei klinisch relevanten Angststörungen aber keine professionelle Behandlung.

Lavendel: Der Überraschungssieger unter den Phytopharmaka
Die stärkste Evidenz unter allen pflanzlichen Angstlösern hat ausgerechnet ein Mittel, das viele nur als Duftkissen kennen: Lavendelöl. Genauer gesagt der standardisierte Lavendelölextrakt Silexan, der in Deutschland unter dem Handelsnamen Lasea erhältlich ist.
Die Datenbasis ist für ein Phytopharmakon ungewöhnlich solide. Vier doppelblinde, randomisierte, placebokontrollierte Phase-III-Studien belegen die Wirksamkeit. Bei Patienten mit subsyndromaler Angst zeigte sich nach zwei Wochen eine signifikante Reduktion der Angstsymptome auf der Hamilton-Angstskala (HAMA). Bei Patienten mit generalisierter Angststörung setzte die Wirkung nach vier bis sechs Wochen ein.
Besonders bemerkenswert: In Vergleichsstudien war die angstlösende Wirkung von 80 mg Silexan pro Tag vergleichbar mit der von Lorazepam (einem Benzodiazepin) und Paroxetin (einem SSRI). Anders als bei diesen Medikamenten zeigte Lavendelöl jedoch kein Abhängigkeitspotenzial und keine sedierenden Nebenwirkungen.
Die Kommission E des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat Lavendelblüten als traditionelles Arzneimittel anerkannt. Das Europäische Arzneibuch führt Lavendelöl als Monographie. Kritiker wie das Arznei-Telegramm bemängelten allerdings methodische Schwächen einiger Studien und wiesen auf mögliche gastrointestinale Nebenwirkungen hin.
Fazit: Lavendelölextrakt in standardisierter Form (nicht das ätherische Öl aus der Drogerie) hat unter den Phytopharmaka die beste Evidenz bei leichten bis mittelschweren Angstzuständen.
Baldrian und Passionsblume: Tradition trifft auf dünne Datenlage
Baldrian (Valeriana officinalis) ist das wohl bekannteste pflanzliche Beruhigungsmittel in Deutschland. Die Kommission E und ESCOP haben Baldrianwurzel bei Unruhezuständen und nervös bedingten Einschlafstörungen positiv monographiert. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2020, die 60 Studien auswertete, kam zu dem Ergebnis, dass die angstlösende Wirkung von Baldrian-Präparaten etwa einem Drittel der Wirkung von Benzodiazepinen entspricht.
Das klingt nach einem Erfolg, hat aber einen Haken: Die meisten Studien waren klein, methodisch heterogen und untersuchten primär Schlafstörungen, nicht Angst. Für Baldrian als reines Anxiolytikum fehlen hochwertige, placebokontrollierte Studien mit ausreichend großen Patientenzahlen. Baldrian beruhigt und kann beim Einschlafen helfen, aber ob er gezielt gegen Angstsymptome wirkt, ist wissenschaftlich nicht sauber belegt. In der Praxis wird er dennoch häufig eingesetzt, vor allem in Kombination mit anderen Pflanzen wie Hopfen oder Melisse.
Die Passionsblume (Passiflora incarnata) wird in der Phytotherapie ebenfalls gegen Angstzustände eingesetzt. Ihr Wirkmechanismus ist pharmakologisch plausibel: Extrakte hemmen die GABA-Wiederaufnahme und binden an GABA-A-Rezeptoren, also an denselben Rezeptoren, an denen auch Benzodiazepine wirken. Eine oft zitierte Studie verglich Passionsblumenextrakt mit Oxazepam bei generalisierter Angststörung und fand eine ähnliche Wirksamkeit bei weniger Nebenwirkungen.
Doch eine systematische Überprüfung durch Medizin-Transparent zeigte: In zwei von vier ausgewerteten Studien war Passionsblume nicht wirksamer als Placebo. Alle Studien wiesen zudem erhebliche methodische Mängel auf. Die Evidenzlage ist daher als vorläufig einzustufen.

CBD: Viel Hype, wenig Substanz
Kaum ein pflanzlicher Wirkstoff wird so aggressiv vermarktet wie CBD (Cannabidiol). Die Versprechen reichen von Angstlinderung über Schmerzreduktion bis zur Schlafverbesserung. Doch wie steht es um die Fakten?
Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie der Universität Leipzig untersuchte 37 Probanden mit Angststörungen. Von 19 Teilnehmern, die 50 mg CBD pro Tag erhielten, zeigten 17 eine Verbesserung ihrer Angstwerte, eine Reduktion um rund 32 Prozent. Größere placebokontrollierte Studien zeigten angstlösende Effekte bei Einzeldosen von 300 bis 600 mg, vor allem bei sozialer Angststörung.
Das Problem: Die Studienlage ist insgesamt dünn. Es fehlen groß angelegte, langfristige Untersuchungen. Eine Studie mit palliativen Krebspatienten, veröffentlicht 2023, fand keinen Unterschied zwischen CBD und Placebo bei Angst und Lebensqualität. Die Ergebnisse einzelner positiver Studien stehen also keineswegs unwidersprochen da. Hinzu kommt ein praktisches Problem: Die Dosierungen in klinischen Studien (300 bis 600 mg) liegen weit über dem, was handelsübliche CBD-Öle liefern. Ein typisches 10-Prozent-CBD-Öl enthält pro Tropfen etwa 5 mg. Um auf 300 mg zu kommen, müsste man also 60 Tropfen einnehmen. Was in Studien wirkt, ist mit frei verkäuflichen Produkten kaum nachzubilden.
Rechtlich ist CBD in Deutschland nicht als Arzneimittel für die Indikation Angst zugelassen. Freiverkäufliche Produkte mit unter 0,2 Prozent THC sind als Nahrungsergänzungsmittel oder Kosmetika auf dem Markt, unterliegen aber keiner pharmakologischen Qualitätskontrolle. Die Konzentration an CBD kann erheblich von den Angaben auf dem Etikett abweichen.
Wer sich für die Risiken regelmäßigen Cannabiskonsums interessiert, findet weiterführende Informationen im Artikel Cannabis und die Folgen regelmäßigen Konsums.
Weitere pflanzliche Mittel im Überblick
Neben den drei großen Kandidaten werden weitere Pflanzen gegen Angst beworben. Ein kurzer Evidenzcheck:
Melisse (Melissa officinalis): Traditionell bei nervösen Einschlafstörungen eingesetzt, oft in Kombination mit Baldrian. Die Kommission E hat die Anwendung bei nervös bedingten Einschlafstörungen positiv bewertet. Einzelne Studien deuten auf eine milde anxiolytische Wirkung hin, die Datenlage ist aber zu dünn für belastbare Aussagen.
Hopfen (Humulus lupulus): Wird in Kombinationspräparaten mit Baldrian bei Unruhezuständen verwendet. Als Einzelwirkstoff gegen Angst ist Hopfen kaum untersucht. Die Kommission E hat Hopfenzapfen bei Unruhezuständen und Schlafstörungen positiv monographiert, spezifische Angststudien fehlen jedoch.
Ashwagandha (Withania somnifera): Die ayurvedische Heilpflanze hat in den letzten Jahren an Popularität gewonnen. Eine Metaanalyse mit neun randomisierten kontrollierten Studien und 558 Teilnehmern zeigte moderate Effekte auf Stress und Angst. Allerdings hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) auf mögliche Gesundheitsrisiken bei Ashwagandha-Präparaten hingewiesen, darunter Leberschäden. In der EU ist Ashwagandha zudem nicht als Arzneimittel zugelassen.
Johanniskraut (Hypericum perforatum): Gut belegt bei leichten bis mittelschweren Depressionen, für die es sogar in der S3-Leitlinie empfohlen wird. Bei Angststörungen im engeren Sinne ist die Evidenz aber schwächer. Johanniskraut hat zudem ein relevantes Interaktionspotenzial mit anderen Medikamenten, darunter hormonelle Verhütungsmittel und Blutgerinnungshemmer.
Wann pflanzliche Mittel nicht reichen
Pflanzliche Anxiolytika haben ihre Berechtigung bei leichter, vorübergehender Ängstlichkeit, innerer Unruhe und Anspannung. Doch es gibt klare Grenzen.
Sie sollten professionelle Hilfe suchen, wenn die Angst seit mehr als sechs Wochen anhält, wenn Panikattacken auftreten, wenn Sie bestimmte Situationen wie öffentliche Verkehrsmittel, Menschenmengen oder soziale Anlässe systematisch vermeiden, wenn die Angst Ihren Berufsalltag oder Ihre Beziehungen beeinträchtigt oder wenn Sie bereits zu Alkohol oder Beruhigungsmitteln greifen, um die Angst zu kontrollieren.
Die S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen empfiehlt als erste Wahl die kognitive Verhaltenstherapie. Deren Wirksamkeit ist durch zahlreiche kontrollierte Studien belegt. In vielen Fällen reichen bereits 12 bis 25 Sitzungen, um eine deutliche Besserung zu erzielen.
Der Weg zur Therapie führt in Deutschland über den Hausarzt, der an einen Psychotherapeuten oder Psychiater überweisen kann. Auch psychotherapeutische Sprechstunden, für die keine Überweisung nötig ist, bieten einen niedrigschwelligen Zugang. Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind zwar oft lang, doch die Kassenärztlichen Vereinigungen bieten Terminservicestellen an, die innerhalb von vier Wochen einen Ersttermin vermitteln sollen.
Fazit: Kein Ersatz, aber eine mögliche Ergänzung
Die Phytotherapie bei Angst steht auf einem Spektrum zwischen solider Evidenz und reinem Wunschdenken. Am besten belegt ist standardisiertes Lavendelöl (Silexan), das in klinischen Studien mit Benzodiazepinen und SSRI vergleichbare Effekte zeigte. Passionsblume und Baldrian haben eine gewisse pharmakologische Plausibilität, aber die klinische Datenlage ist lückenhaft. CBD wird massiv beworben, doch die Studienlage rechtfertigt den Hype bisher nicht, und die Dosierungen in Studien liegen weit über dem, was handelsübliche Produkte liefern.
Entscheidend bleibt: Pflanzliche Mittel können bei leichter Ängstlichkeit und innerer Unruhe unterstützend wirken. Sie ersetzen aber weder eine fundierte Diagnostik noch eine leitliniengerechte Therapie. Wer unter einer echten Angststörung leidet, braucht professionelle Hilfe. Kognitive Verhaltenstherapie und bei Bedarf Medikamente sind die Mittel der Wahl. Die Erwartung, eine klinische Angststörung mit Lavendeltee oder CBD-Tropfen in den Griff zu bekommen, ist nicht nur unrealistisch, sie kann dazu führen, dass wirksame Behandlungen unnötig verzögert werden. Sich Hilfe zu suchen ist keine Schwäche, sondern ein Zeichen von Urteilsvermögen.





