Die Wasserpfeife hat sich längst vom orientalischen Kulturgut zum Lifestyle-Accessoire gewandelt. In deutschen Großstädten reiht sich eine Shisha-Bar an die nächste, auf Instagram posieren Influencer mit kunstvoll verzierten Pfeifen, und unter Jugendlichen gehört das gemeinsame Shisha-Rauchen zum Wochenendprogramm wie der Kinobesuch. Was dabei häufig untergeht: Die vermeintlich harmlose Alternative zur Zigarette ist toxikologisch betrachtet alles andere als unbedenklich. Aktuelle Forschungsergebnisse des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeichnen ein deutlich düstereres Bild, als die meisten Konsumenten wahrhaben wollen.
Was im Shisha-Rauch tatsächlich steckt
Der süßliche Fruchtgeschmack von Shisha-Tabak vermittelt den Eindruck, etwas grundlegend anderes als Zigarettenrauch zu inhalieren. Dieser Eindruck ist gefährlich falsch. Das BfR hat in mehreren Forschungsprojekten den Rauch von Wasserpfeifen chemisch analysiert und dabei mehr als 250 toxische und krebserregende Substanzen nachgewiesen. Darunter befinden sich Kohlenmonoxid (CO), Formaldehyd, Acetaldehyd, Benzol, Benz(a)pyren, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) sowie tabakspezifische Nitrosamine.
Hinzu kommen Schwermetalle wie Nickel, Chrom und Blei, die beim Verglühen der Kohle freigesetzt werden. Besonders brisant: Die Feuchthaltemittel im Wasserpfeifentabak, darunter Glycerin und Propylenglykol, erhöhen laut BfR das gesundheitliche Risiko zusätzlich, weil sie beim Erhitzen in Aldehyde zerfallen, die Atemwege und Schleimhäute reizen.

Das Wasser in der Pfeife, oft als natürlicher Filter angepriesen, erfüllt diese Funktion nur sehr begrenzt. Es kühlt den Rauch ab, was dazu führt, dass Konsumenten tiefer und länger inhalieren. Die Filterwirkung für Schadstoffe ist nach wissenschaftlichen Erkenntnissen hingegen minimal.
Shisha gegen Zigarette: Der Vergleich, der überrascht
Einer der hartnäckigsten Mythen rund um die Wasserpfeife lautet: Shisha ist weniger schädlich als Zigaretten. Wissenschaftliche Daten widerlegen das eindeutig. Die WHO hat in einer vielzitierten Studie dargelegt, dass eine typische Shisha-Sitzung von 45 bis 60 Minuten einem Rauchvolumen von 100 bis 200 Zigaretten entspricht. Die Nikotinaufnahme einer einzigen Shisha-Sitzung ist vergleichbar mit dem Konsum von rund zehn Zigaretten.
| Kriterium | Shisha (eine Sitzung, ca. 60 Min.) | Zigarette (ein Stück) |
|---|---|---|
| Rauchvolumen | ca. 50-100 Liter | ca. 0,5 Liter |
| Nikotinaufnahme | vergleichbar mit 10 Zigaretten | 1-2 mg |
| Kohlenmonoxid (CO) | bis zu 10-fach höher | Referenzwert |
| Teeraufnahme | bis zu 36-fach höher | Referenzwert |
| Rauchdauer | 45-60 Minuten | 5-7 Minuten |
| Anzüge pro Sitzung | ca. 100-200 | ca. 10-13 |
| Suchtpotenzial | hoch (Nikotin enthalten) | hoch (Nikotin enthalten) |
Die Zahlen sind alarmierend: Beim Shisha-Rauchen nimmt der Körper bis zu zehnmal mehr Kohlenmonoxid und bis zu 36-mal mehr Teer auf als beim Konsum einer einzelnen Zigarette. Der Grund liegt unter anderem in der Holzkohle, die bei Temperaturen von mehreren hundert Grad verbrennt und dabei erhebliche Mengen CO freisetzt. Dieses Gas bindet sich an das Hämoglobin im Blut und verdrängt den Sauerstoff, was in geschlossenen Räumen lebensbedrohlich werden kann.
Die unterschätzte Gefahr: Kohlenmonoxidvergiftungen
Was abstrakte Schadstoffwerte in der Praxis bedeuten, zeigt ein Blick in deutsche Notaufnahmen. In den vergangenen Jahren häufen sich Fälle von akuten Kohlenmonoxidvergiftungen im Zusammenhang mit Shisha-Bars. Das Universitätsklinikum Düsseldorf behandelte allein 2017 rund 40 Personen mit CO-Vergiftungen in einer speziellen Druckkammer. Mittlerweile steht dort nahezu die Hälfte aller Druckkammerbehandlungen im Zusammenhang mit dem Shisha-Konsum.
Die Vorfälle beschränken sich nicht auf Einzelfälle. 2018 starb ein 30-jähriger Mann in einer Shisha-Bar im thüringischen Jena an einer Kohlenmonoxidvergiftung. In Peine (Niedersachsen) verloren zwei Frauen in einer Shisha-Bar das Bewusstsein, acht weitere Gäste mussten medizinisch versorgt werden. Die Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz warnt ausdrücklich vor der Gefahr in schlecht belüfteten Räumlichkeiten.
Symptome einer CO-Vergiftung sind Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und Benommenheit. Das Tückische: Die Betroffenen bemerken die schleichende Vergiftung häufig nicht rechtzeitig, weil Kohlenmonoxid geruch- und farblos ist. Wer in einer Shisha-Bar solche Symptome verspürt, sollte umgehend an die frische Luft gehen und im Zweifel den Notruf 112 wählen.
Langzeitrisiken: Von der Lunge bis zum Herzen
Die akute CO-Vergiftung ist nur die Spitze des Eisbergs. Deutlich gravierender sind die langfristigen gesundheitlichen Folgen, die der regelmäßige Shisha-Konsum nach sich ziehen kann. Eine im Fachjournal Environmental Health and Preventive Medicine veröffentlichte Metaanalyse liefert dazu besorgniserregende Zahlen:
Das Risiko für Lungenkrebs verdoppelt sich bei regelmäßigen Wasserpfeifenrauchern (Odds Ratio 2,12). Für Kopf-Hals-Karzinome steigt das Risiko sogar um das Dreifache. Besonders drastisch fallen die Ergebnisse bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus: Die Wahrscheinlichkeit für koronare Herzkrankheiten erhöht sich laut den Studienautoren um 194 Prozent, das Schlaganfallrisiko steigt um 335 Prozent.
Die WHO stuft Wasserpfeifenrauchen als wahrscheinlich krebserregend für Lunge, Speiseröhre und Mundhöhle ein und sieht mögliche Zusammenhänge mit Blasen- und Magenkrebs. Daneben besteht ein erhöhtes Risiko für chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Parodontitis, männliche Unfruchtbarkeit und psychische Beeinträchtigungen. Schwangere Frauen und Menschen mit bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind besonders gefährdet.

Jugendliche als Zielgruppe: Ein Problem mit Ansage
In Deutschland ist Shisha-Rauchen vor allem unter jungen Erwachsenen und Jugendlichen populär. Laut Daten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) haben insbesondere 12- bis 25-Jährige in den vergangenen Jahren zunehmend zur Wasserpfeife gegriffen. Die Apotheken Umschau berichtet von einem breiten Trend unter Minderjährigen, der neben E-Zigaretten und Nikotinbeuteln auch Shishas umfasst.
Das Problem beginnt mit der Wahrnehmung. Viele Jugendliche stufen Shisha-Rauchen als deutlich weniger schädlich ein als Zigarettenkonsum. Die fruchtigen Aromen, das soziale Setting in Shisha-Bars und die fehlende Aufklärung tragen dazu bei, dass die Einstiegshürde niedrig liegt. Was viele nicht wissen: Auch Shisha-Tabak enthält Nikotin und kann abhängig machen. Der Gesetzgeber hat zwar ein Abgabeverbot an unter 18-Jährige verhängt, doch die Kontrolle in der Praxis erweist sich als lückenhaft.
Besonders problematisch: Wer in jungen Jahren mit dem Shisha-Rauchen beginnt, riskiert eine Nikotinabhängigkeit, die später häufig zum Umstieg auf Zigaretten oder andere Tabakprodukte führt. Die Wasserpfeife als vermeintlich harmloser Einstieg wird damit zum Tor für dauerhaften Tabakkonsum.
Was Fachleute und Behörden fordern
Die wissenschaftliche Lage ist eindeutig, und entsprechend klar positionieren sich Gesundheitsbehörden weltweit. Die WHO fordert in ihrer zweiten Advisory Note zu Wasserpfeifen umfassende Regulierungsmaßnahmen: höhere Steuern auf Wasserpfeifentabak, ein Rauchverbot für Shishas in öffentlichen Innenräumen, strengere Teststandards für Tabakprodukte und flächendeckende Aufklärungskampagnen.
Das BfR betont, dass die Suchtgefahren von Wasserpfeifen nicht geringer einzuschätzen sind als die von Zigaretten. In Deutschland gelten seit 2016 verschärfte Regeln für Shisha-Bars, darunter Belüftungsvorschriften und Auflagen zur Kohlenmonoxid-Überwachung. Mehrere Bundesländer haben eigene Leitlinien erlassen, doch einheitliche, bundesweite Standards fehlen bislang.
Für Konsumenten leitet sich daraus eine klare Empfehlung ab: Wer Shisha raucht, sollte sich bewusst sein, dass kein sicheres Maß existiert. Das gilt insbesondere für geschlossene Räume, in denen sich Kohlenmonoxid anreichern kann. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt, den Konsum zu reduzieren oder bestenfalls ganz einzustellen und bei Entwöhnungswunsch professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Die Romantisierung der Wasserpfeife in sozialen Medien und Gastronomie steht in einem krassen Gegensatz zur wissenschaftlichen Realität. Über 250 Schadstoffe, ein verdoppeltes Krebsrisiko und regelmäßige Notfälle in deutschen Shisha-Bars sprechen eine deutliche Sprache. Die Wasserpfeife ist weder eine harmlose Alternative zur Zigarette noch ein unbedenkliches Genussmittel. Sie ist ein Tabakprodukt mit erheblichem Gefährdungspotenzial.





