Trockene Augen gelten inzwischen als Volkskrankheit. Schätzungen zufolge sind allein in Deutschland bis zu 15 Millionen Menschen betroffen. Repräsentative Kohortenstudien beziffern die Prävalenz auf 22 bis 32 Prozent der Bevölkerung. Frauen trifft es dabei etwa doppelt so häufig wie Männer. Und die Tendenz steigt, denn Bildschirmarbeit, Klimaanlagen und eine alternde Gesellschaft schaffen ideale Bedingungen für das, was Augenärzte als Keratokonjunktivitis sicca bezeichnen: eine chronische Störung des Tränenfilms, die weit mehr ist als nur ein lästiges Kratzen im Auge.
Trotzdem greifen viele Betroffene jahrelang reflexartig zu rezeptfreien Augentropfen, ohne die eigentliche Ursache zu kennen. Dabei hat sich das Verständnis der Erkrankung in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Neue Therapieansätze gehen über das blosse Nachfeuchten hinaus und setzen an den tieferliegenden Mechanismen an.
Was den Tränenfilm aus dem Gleichgewicht bringt
Der Tränenfilm ist kein einfacher Wasserfilm. Er besteht aus drei Schichten: einer inneren Muzinschicht, die den Tränenfilm am Auge haften lässt, einer mittleren wässrigen Schicht und einer äusseren Lipidschicht, die die Verdunstung bremst. Ist eine dieser Schichten gestört, gerät das gesamte System aus der Balance.
Die Ursachen dafür sind vielfältig. Laut der Leitlinie Nr. 11 des Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands (BVA) und der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) lassen sich zwei Hauptformen unterscheiden: die hyposekretorische Form, bei der zu wenig Tränenflüssigkeit produziert wird, und die evaporative Form, bei der der Tränenfilm zu schnell verdunstet. Letztere macht 60 bis 80 Prozent aller Fälle aus und geht fast immer auf eine Funktionsstörung der Meibom-Drüsen zurück.
Zu den häufigsten Risikofaktoren zählen:
- Bildschirmarbeit: Wer konzentriert auf einen Monitor starrt, blinzelt bis zu 60 Prozent seltener als normal. Die Folge: Der Tränenfilm reisst auf, die Hornhaut trocknet aus. Studien aus dem Jahr 2025 zeigen, dass bei einer täglichen Bildschirmzeit von mehr als acht Stunden die Tränenfilm-Aufrisszeit signifikant sinkt.
- Kontaktlinsen: Sie teilen den Tränenfilm physisch in zwei Hälften und beschleunigen die Verdunstung. Besonders weiche Linsen ziehen Feuchtigkeit aus dem Auge.
- Medikamente: Antihistaminika, Betablocker, Antidepressiva, die Antibabypille und Tranquilizer können die Tränenproduktion drosseln.
- Hormonelle Veränderungen: In und nach den Wechseljahren sinkt der Östrogenspiegel. Das wirkt sich direkt auf die Tränendrüsen und die Zusammensetzung des Tränenfilms aus.
- Umgebungsfaktoren: Klimaanlagen, Heizungsluft, Flugreisen und trockene Winterluft entziehen dem Auge permanent Feuchtigkeit.
- Autoimmunerkrankungen: Das Sjögren-Syndrom, rheumatoide Arthritis und Lupus können die Tränendrüsen dauerhaft schädigen.

Warum Augentropfen allein oft nicht reichen
Die erste Reaktion der meisten Betroffenen ist der Gang zur Apotheke. Dort stehen Dutzende rezeptfreie Tränenersatzmittel im Regal: Tropfen mit Hyaluronsäure, mit Carbomer, mit Polyvinylalkohol. Sie alle ersetzen kurzfristig die fehlende Feuchtigkeit. Doch sie bekämpfen in der Regel nur das Symptom, nicht die Ursache.
Bei der mit Abstand häufigsten Form des trockenen Auges, der Meibom-Drüsen-Dysfunktion, produzieren die rund 30 bis 40 Drüsen in jedem Lidrand zu wenig oder qualitativ minderwertiges Lipidsekret. Ohne diese ölige Schutzschicht verdunstet der Tränenfilm zu schnell. Augentropfen können dieses Defizit nicht ausgleichen. Sie verschwinden nach wenigen Minuten von der Augenoberfläche, während das zugrundeliegende Problem bestehen bleibt.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Viele Augentropfen enthalten Konservierungsmittel wie Benzalkoniumchlorid. Bei häufiger und langfristiger Anwendung können diese die Augenoberfläche zusätzlich reizen und die Erkrankung paradoxerweise verschlimmern. Wer dauerhaft mehr als viermal täglich nachfeuchten muss, sollte daher ausschliesslich konservierungsmittelfreie Präparate verwenden, idealerweise in Einzeldosen.
Augengele bieten gegenüber herkömmlichen Tropfen den Vorteil, dass sie länger auf der Augenoberfläche verbleiben. Der Wirkstoff Carbomer bildet einen schützenden Film und spendet dem Auge über einen längeren Zeitraum Feuchtigkeit. Gele eignen sich besonders für die Nacht, da sie vorübergehend die Sicht leicht verschleiern können.
Meibom-Drüsen-Dysfunktion: Die übersehene Hauptursache
Die Meibom-Drüsen sitzen in den oberen und unteren Augenlidern und sondern bei jedem Lidschlag ein öliges Sekret ab. Dieses Sekret bildet die äusserste Schicht des Tränenfilms und verhindert, dass die darunterliegende wässrige Phase zu schnell verdunstet. Wenn die Drüsen verstopfen oder verkümmern, fehlt diese Schutzschicht.
Die Meibom-Drüsen-Dysfunktion (MDD) wird häufig nicht erkannt, weil die Diagnose eine genaue Untersuchung der Lidkanten voraussetzt. Typische Anzeichen sind verkrustete Lidränder, schaumiger Tränenfilm, häufiges Gerstenkorn und ein Fremdkörpergefühl, das sich im Tagesverlauf verschlimmert.
Risikofaktoren für eine MDD sind höheres Alter, Rosazea der Haut, langfristige Bildschirmarbeit und das Tragen von Kontaktlinsen. Auch eine fettarme Ernährung mit zu wenig Omega-3-Fettsäuren kann die Zusammensetzung des Meibom-Sekrets negativ beeinflussen.
Die gute Nachricht: Eine MDD lässt sich gezielt behandeln. Die Therapie setzt an den Drüsen selbst an, nicht nur am Symptom Trockenheit.
Moderne Therapieansätze jenseits der Augentropfen
Die Augenheilkunde hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte bei der Behandlung des trockenen Auges gemacht. Die wichtigsten Ansätze im Überblick:
Lidrandhygiene und warme Kompressen
Die Basistherapie bei Meibom-Drüsen-Dysfunktion ist einfach und kostenlos: Warme Kompressen (idealerweise 40 bis 42 Grad Celsius) werden für zehn Minuten auf die geschlossenen Augen gelegt. Die Wärme verflüssigt das eingedicktes Sekret in den Drüsen. Anschliessend wird der Lidrand vorsichtig mit einem feuchten Wattestäbchen oder speziellen Lidrandpflegetüchern massiert, um das Sekret herauszudrücken. Diese Routine sollte täglich durchgeführt werden.
Cyclosporin-Augentropfen
Seit 2015 ist in Deutschland das Präparat Ikervis (Cyclosporin A, 1 mg/ml) zur Behandlung der schweren Keratitis bei Erwachsenen mit trockenem Auge zugelassen. Es kommt zum Einsatz, wenn Tränenersatzmittel allein keine ausreichende Besserung bringen. Cyclosporin unterdrückt die chronische Entzündung an der Augenoberfläche, die sowohl Ursache als auch Folge des trockenen Auges sein kann. Die Tropfen werden einmal täglich vor dem Schlafengehen angewendet. Der Wirkungseintritt ist schleichend: Eine spürbare Besserung zeigt sich oft erst nach etwa drei Monaten konsequenter Anwendung.
IPL-Therapie (Intense Pulsed Light)
Die IPL-Therapie stammt ursprünglich aus der Dermatologie, hat sich aber als vielversprechende Behandlung bei Meibom-Drüsen-Dysfunktion etabliert. Dabei werden kontrollierte Lichtimpulse auf die Haut unterhalb der Augen abgegeben. Diese aktivieren die parasympathischen Nervenfasern im Lidrand, die die Meibom-Drüsen versorgen. Das Resultat: Die Drüsen produzieren wieder mehr und besseres Sekret.
Eine Behandlungssitzung dauert etwa 15 bis 20 Minuten. In der Regel sind vier bis fünf Sitzungen im Abstand von jeweils zwei Wochen nötig. Die Nebenwirkungen sind gering: Gelegentlich treten leichte Rötungen oder ein Wärmegefühl auf, die rasch abklingen. Studien bestätigen die Wirksamkeit, allerdings handelt es sich um eine Selbstzahlerleistung, die von den Krankenkassen in der Regel nicht übernommen wird.
Punctum Plugs
Bei der hyposekretorischen Form, also wenn die Tränendrüsen zu wenig Flüssigkeit produzieren, können sogenannte Punctum Plugs helfen. Dabei handelt es sich um winzige Silikonstöpsel, die in die Tränenpünktchen eingesetzt werden. Sie blockieren den Abfluss der Tränenflüssigkeit und halten sie so länger auf dem Auge. Der Eingriff ist schmerzfrei und reversibel. Es gibt sowohl dauerhafte Plugs als auch solche, die sich nach einigen Wochen von selbst auflösen.

Omega-3-Fettsäuren
Die Rolle von Omega-3-Fettsäuren bei trockenem Auge wird kontrovers diskutiert. Einige Studien deuten darauf hin, dass die Einnahme von EPA und DHA, etwa durch Fischölkapseln oder den regelmässigen Verzehr von fettem Seefisch, die Zusammensetzung des Meibom-Drüsen-Sekrets verbessern kann. Die BVA-Leitlinie erwähnt Fettsäuren als ergänzende Therapieoption. Eindeutige Belege aus grossen randomisierten Studien fehlen jedoch bislang.
Bildschirmarbeit und das Office-Eye-Syndrom
Die Digitalisierung hat das Problem der trockenen Augen massiv verschärft. Studien aus dem Jahr 2025 zeigen, dass bis zu 84 Prozent der Menschen, die täglich mehr als vier Stunden am Bildschirm arbeiten, Symptome des sogenannten Computer Vision Syndroms entwickeln. Trockene Augen sind dabei das häufigste Symptom.
Der Mechanismus ist simpel: Bei konzentrierter Bildschirmarbeit sinkt die Lidschlagfrequenz von normalerweise 15 bis 20 Mal pro Minute auf nur noch 5 bis 7 Mal. Gleichzeitig werden die Lidschläge unvollständig, sodass der Tränenfilm nicht gleichmässig über die gesamte Hornhaut verteilt wird.
Wirksame Gegenmassnahmen sind:
- Die 20-20-20-Regel: Alle 20 Minuten für 20 Sekunden auf einen Gegenstand in mindestens 20 Fuss (etwa sechs Meter) Entfernung blicken. Das entspannt die Augenmuskulatur und regt den Lidschlag an.
- Bewusstes Blinzeln: Klingt banal, zeigt aber Wirkung. Gezielte Blinzelübungen, bei denen die Lider vollständig geschlossen werden, verteilen den Tränenfilm neu.
- Monitorposition: Der Bildschirm sollte leicht unterhalb der Augenhöhe stehen. Ein nach unten gerichteter Blick verkleinert die exponierte Augenoberfläche und reduziert die Verdunstung.
- Raumluft: Ein Luftbefeuchter im Büro kann die relative Luftfeuchtigkeit auf die empfohlenen 40 bis 60 Prozent anheben.
Wann Sie zum Augenarzt gehen sollten
Gelegentlich trockene oder müde Augen nach einem langen Arbeitstag sind normal. Ein Arztbesuch ist jedoch dringend angeraten, wenn:
- die Beschwerden länger als zwei Wochen anhalten, trotz konsequenter Anwendung von Tränenersatzmitteln,
- Rötungen, Schwellungen oder starke Schmerzen auftreten,
- die Sehschärfe nachlässt,
- eine bekannte Autoimmunerkrankung vorliegt,
- die Beschwerden nach einer Augenoperation, etwa nach einer Laserkorrektur, auftreten.
Der Augenarzt kann mithilfe der Spaltlampenuntersuchung, der Tränenfilm-Aufrisszeit (Break-up Time), des Schirmer-Tests und der Meibographie feststellen, welche Form des trockenen Auges vorliegt und welche Strukturen betroffen sind. Erst auf Basis dieser Diagnostik lässt sich eine zielgerichtete Therapie einleiten.
Wichtig zu wissen: Das trockene Auge ist eine chronische Erkrankung. Es lässt sich in den meisten Fällen gut kontrollieren, aber selten vollständig heilen. Eine konsequente Therapie, regelmässige Kontrolluntersuchungen und die Anpassung der Lebensgewohnheiten sind entscheidend für den langfristigen Erfolg. Wer die Erkrankung ernst nimmt, frühzeitig den Augenarzt aufsucht und bereit ist, seine täglichen Gewohnheiten anzupassen, hat gute Chancen, die Beschwerden dauerhaft auf ein erträgliches Mass zu reduzieren. Die Zeiten, in denen trockene Augen als Bagatelle abgetan wurden, sind in der modernen Augenheilkunde vorbei.





