"I think fiber will be the next protein": Mit diesem Satz kündigte PepsiCo-Chef Ramon Laguarta im Oktober 2025 vor Analysten die nächste Produktwelle seines Konzerns an. Auf TikTok kursiert das Thema längst unter dem Schlagwort Fibermaxxing: Nutzerinnen und Nutzer zeigen dort, wie sie möglichst viele Ballaststoffe in ihre Mahlzeiten packen, von Chia-Pudding mit Himbeeren bis zum Linsen-Bowl-Rezept. Das Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) hat den Trend im Mai eingeordnet, die Stiftung Warentest bereits im März. Das Bemerkenswerte an beiden Einschätzungen: Sie fallen im Kern positiv aus.
Ausgerechnet ein TikTok-Trend trifft damit einmal die Datenlage. Denn während die Lebensmittelindustrie seit Jahren Protein in jedes zweite Kühlregalprodukt rührt, fehlt in deutschen Ernährungen ein anderer Nährstoff tatsächlich: Frauen nehmen im Median 18 Gramm Ballaststoffe pro Tag auf, Männer 19 Gramm. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hält mindestens 30 Gramm für angemessen.
Woher der Trend kommt
Fibermaxxing kombiniert das englische Wort für Ballaststoffe mit dem Suffix "maxxing", Internetjargon für maximieren. Der Trend startete in den USA und hat dort längst die Konzernetagen erreicht: Die Supermarktkette Whole Foods erklärte Ballaststoffe im Herbst 2025 zu einem der wichtigsten Food-Trends für 2026, der Wirtschaftssender CNBC widmete dem Phänomen im Dezember eine eigene Analyse. Das Marktforschungsunternehmen Datassential ermittelte, dass 52 Prozent der US-Verbraucher Fibermaxxing ausprobieren wollen, sobald sie davon gehört haben; 42 Prozent halten Produkte mit der Aufschrift "high fiber" für gesünder.
Die Industrie reagiert bereits. PepsiCo brachte Anfang 2026 eine Popcorn-Variante mit sechs Gramm Ballaststoffen pro Portion auf den US-Markt und kündigte ballaststoffangereicherte Versionen weiterer Snack-Linien an. Nestlé und Getränkehersteller wie Olipop arbeiten an ähnlichen Produkten. Wer den Protein-Zyklus der vergangenen Jahre verfolgt hat, erkennt das Muster: Erst kommt der Trend, dann kommt das Sortiment.
Dabei ist der Begriff, um den sich alles dreht, ein historisches Missverständnis. Ballaststoffe heißen so, weil die unverdaulichen Pflanzenfasern lange als überflüssiger Ballast der Nahrung galten. Heute gelten genau diese Fasern als einer der am besten belegten Schutzfaktoren der Ernährungsforschung.
Die deutsche Lücke: 18 Gramm statt 30
Die DGE gibt als Richtwert für Erwachsene mindestens 30 Gramm Ballaststoffe pro Tag an, umgerechnet 14,6 Gramm je 1.000 Kilokalorien. Die Realität sieht anders aus. Nach der Nationalen Verzehrsstudie II des Max Rubner-Instituts erreichen 68 Prozent der Männer und 75 Prozent der Frauen diesen Wert nicht. Der Median liegt bei 19 Gramm für Männer und 18 Gramm für Frauen. Frauen fehlen damit zwölf Gramm am Tag, Männern elf. Das BZfE geht aktuell von durchschnittlich knapp 20 Gramm aus.
Bemerkenswert ist das Alter dieser Zahlen: Die Nationale Verzehrsstudie II wurde zwischen 2005 und 2007 erhoben. Das Max Rubner-Institut räumt in seiner wissenschaftlichen Einordnung selbst ein, dass neuere repräsentative Daten nicht vorliegen. Deutschland diskutiert also über eine Nährstofflücke, deren amtliche Vermessung fast 20 Jahre zurückliegt. Dass sich die Lücke von selbst geschlossen hätte, ist unwahrscheinlich: Weißmehlprodukte dominieren weiter die Regale, und die BZfE-Schätzung von knapp 20 Gramm deutet auf Stillstand.
Der Markt rennt in die andere Richtung
Wie schief die Vermarktungslogik zur Datenlage steht, zeigt ein Blick auf den Boom des Konkurrenz-Nährstoffs. Ende Juni, gut fünf Wochen vor Erscheinen dieses Artikels, veröffentlichte YouGov eine Analyse des deutschen High-Protein-Markts: Das Segment wuchs im Jahresvergleich um 39,1 Prozent, Proteinpulver allein um 112 Prozent. Inzwischen kaufen 4,6 Millionen deutsche Haushalte Proteinpulver, fast zwei Drittel mehr als im Vorjahr, bei Preisen, die im selben Zeitraum um 13,1 Prozent stiegen.
Das Kuriose daran: Ein verbreiteter Proteinmangel existiert in Deutschland nicht, die meisten Erwachsenen liegen mit ihrer normalen Ernährung über dem DGE-Referenzwert. Die Industrie verkauft also mit Milliardenaufwand einen Nährstoff, der ausreichend vorhanden ist, während der tatsächlich fehlende bislang kaum ein Verkaufsargument war. Der Schwenk des PepsiCo-Chefs signalisiert, dass sich das ändern dürfte. Für Verbraucherinnen und Verbraucher ist das eine zwiespältige Nachricht: Das Thema bekommt Aufmerksamkeit, aber die Antwort der Industrie werden angereicherte Fertigprodukte sein, nicht Linsen.
Was die Evidenz trägt
Die wissenschaftliche Grundlage des Ballaststoff-Arguments ist ungewöhnlich solide. Im Januar 2019 veröffentlichten Andrew Reynolds und Kollegen von der University of Otago im Lancet eine Serie systematischer Reviews und Metaanalysen, erstellt als Grundlage für Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Ausgewertet wurden 185 prospektive Beobachtungsstudien mit knapp 135 Millionen Personenjahren sowie 58 klinische Studien mit 4.635 Teilnehmern.
Das zentrale Ergebnis: Wer viel Ballaststoffe isst, hat gegenüber Menschen mit niedriger Zufuhr ein um 15 bis 30 Prozent geringeres Risiko für Gesamtsterblichkeit, kardiovaskuläre Sterblichkeit, koronare Herzkrankheit, Schlaganfall, Typ-2-Diabetes und Darmkrebs. Die stärkste Risikoreduktion zeigte sich bei einer täglichen Zufuhr zwischen 25 und 29 Gramm, die Dosis-Wirkungs-Kurven deuten darauf hin, dass höhere Mengen zusätzlichen Nutzen bringen könnten. In den klinischen Studien sanken bei erhöhter Ballaststoffzufuhr zudem Körpergewicht und Cholesterinwerte.
Die übliche Einschränkung gilt auch hier: Beobachtungsstudien belegen Zusammenhänge, keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Menschen, die viele Ballaststoffe essen, leben oft auch sonst gesünder. Die Lancet-Autoren begegnen dem mit der Breite ihrer Datenbasis und der Konsistenz der Befunde über Studientypen hinweg, und die DGE übernimmt diese Einordnung: In einer Stellungnahme von 2022 bezeichnete sie die Evidenz, dass Ballaststoffe das Sterberisiko senken, als überzeugend. Verglichen mit den meisten Ernährungsdebatten, in denen sich Studien regelmäßig widersprechen, ist das ein seltener Grad an Übereinstimmung.
Löslich, unlöslich, fermentierbar: wie die Fasern wirken
Ballaststoffe sind keine einheitliche Stoffgruppe. Das Max Rubner-Institut unterscheidet in seiner Einordnung zwei Hauptklassen. Unlösliche Ballaststoffe wie Zellulose aus Vollkorn und Gemüse erhöhen das Stuhlvolumen und regen die Darmbewegung an, benötigen dafür aber ausreichend Flüssigkeit. Lösliche Ballaststoffe wie Pektine aus Obst und Beta-Glucane aus Hafer verzögern die Magenentleerung, dämpfen Blutzuckerspitzen nach dem Essen und können über die Bindung von Gallensäuren das LDL-Cholesterin senken. Für Hafer-Beta-Glucan hat die europäische Lebensmittelbehörde EFSA einen offiziellen Gesundheitsclaim zugelassen: Ab drei Gramm pro Tag dürfen Hersteller mit der cholesterinsenkenden Wirkung werben.
Ein dritter Wirkweg läuft über die Darmbakterien. Fermentierbare Ballaststoffe dienen dem Mikrobiom als Nahrung; beim Abbau entstehen kurzkettige Fettsäuren, die die Darmschleimhaut versorgen und an der Regulation von Entzündungsprozessen beteiligt sind. Dieser Mechanismus ist einer der Gründe, warum die Mikrobiomforschung Ballaststoffe deutlich ernster nimmt als die meisten Probiotika-Kapseln. Was die Wissenschaft über den Darm tatsächlich weiß und wo das Marketing übernimmt, beleuchtet der Beitrag über Darmgesundheit zwischen Wissenschaft und Hype ausführlicher.

Zwölf Gramm mehr: was das konkret bedeutet
Die gute Nachricht der Datenlage: Die Lücke lässt sich ohne ein einziges Trendprodukt schließen. Die dichtesten Ballaststoffquellen stehen seit Jahrzehnten im Supermarktregal, meist in den günstigsten Ecken.
| Lebensmittel | Übliche Portion | Ballaststoffe (circa) | Anteil am 30-g-Richtwert |
|---|---|---|---|
| Linsen, getrocknet | 60 g (als Beilage gegart) | 10 g | 33 Prozent |
| Weiße Bohnen, Konserve | 150 g (abgetropft) | 9 g | 30 Prozent |
| Vollkornbrot | 2 Scheiben (100 g) | 8 g | 27 Prozent |
| Vollkornnudeln | 80 g (Rohgewicht) | 6 g | 20 Prozent |
| Himbeeren | 125 g (eine Schale) | 6 g | 20 Prozent |
| Haferflocken | 50 g (etwa 5 EL) | 5 g | 17 Prozent |
| Möhren | 150 g (eine große) | 5 g | 17 Prozent |
| Leinsamen, geschrotet | 10 g (1 EL) | 3 g | 10 Prozent |
| Apfel mit Schale | 150 g (ein Stück) | 3 g | 10 Prozent |
| Weizentoast (zum Vergleich) | 2 Scheiben (50 g) | 1,5 g | 5 Prozent |
Circa-Werte nach Standard-Nährwerttabellen, gerundet. Die Tabelle zeigt, warum die Auswahl mehr zählt als die Menge: Wer morgens 50 Gramm Haferflocken isst, mittags eine Linsenbeilage und abends zwei Scheiben Vollkornbrot statt Toast, kommt allein mit diesen drei Positionen auf rund 23 Gramm und liegt mit dem restlichen Tagesessen fast automatisch im Zielbereich der Lancet-Analyse.
Auch die Kostenrechnung fällt eindeutig aus. Eine 500-Gramm-Packung Haferflocken kostet im Discounter weniger als einen Euro und enthält insgesamt rund 50 Gramm Ballaststoffe; getrocknete Linsen liegen bei etwa zwei Euro je 500 Gramm. Die zwölf fehlenden Gramm lassen sich damit für 20 bis 30 Cent am Tag auffüllen. Zum Vergleich: Für Proteinpulver, dessen Preise laut YouGov binnen eines Jahres um 13,1 Prozent stiegen, geben deutsche Haushalte ein Vielfaches aus, um einen Mangel zu beheben, den sie nicht haben.

Wo der Trend kippt
So berechtigt der Kern des Trends ist, so klar benennt das BZfE die Grenzen. "Ballaststoffe sind super und wer davon bisher zu wenig isst, tut sich etwas Gutes, mehr ballaststoffreiche Lebensmittel zu essen. Man braucht es aber nicht zu übertreiben", sagt BZfE-Ernährungswissenschaftlerin Philine Lenz in der Einordnung vom 20. Mai. Wer die Zufuhr abrupt verdoppelt, riskiert Bauchschmerzen und Blähungen, bei zu wenig Flüssigkeit sogar Verstopfung. Das BZfE rät deshalb zu einer langsamen Steigerung über Wochen und zu ausreichend Wasser. Menschen mit bestehenden Darmerkrankungen wie einem Reizdarmsyndrom besprechen größere Umstellungen besser mit der Hausärztin oder dem Hausarzt.
Der zweite Kipppunkt ist die Produktlogik, die sich bereits abzeichnet. Wenn Ballaststoffe "das nächste Protein" werden, folgen angereicherte Snacks, Limonaden mit Zichorieninulin und Fruchtgummis mit Faserzusatz. Isolierte Ballaststoffe wie Inulin gelten in üblichen Mengen als unbedenklich, verursachen in größeren Dosen aber häufig Blähungen, und ein mit Fasern angereicherter Riegel bleibt ein hochverarbeitetes Produkt mit Zucker, Aromen und Zusatzstoffen. Warum der Verarbeitungsgrad ein eigenes Gesundheitsthema ist, erklärt die Analyse zur NOVA-Debatte um hochverarbeitete Lebensmittel. Die Stiftung Warentest kommt in ihrem Trendcheck vom März zum selben Schluss: Natürliche Quellen wie Vollkorn, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst sind Supplementen und angereicherten Produkten vorzuziehen. Der Gießener Ernährungswissenschaftler Gunter Eckert hält gegenüber der Stiftung Warentest sogar rund 40 Gramm täglich für erstrebenswert, aus normalen Lebensmitteln.
Übertreiben lässt sich der Trend trotzdem. Einzelne Fibermaxxing-Videos zeigen Tagespläne mit 70 oder 80 Gramm Ballaststoffen. Einen belegten Zusatznutzen in dieser Größenordnung gibt die Studienlage nicht her, die stärksten Effekte fand die Lancet-Analyse zwischen 25 und 29 Gramm. Oberhalb davon wird der Ertrag unsicher, die Nebenwirkungen dagegen zuverlässiger.
Fazit
Fibermaxxing ist der seltene Fall eines Social-Media-Ernährungstrends, dessen Grundaussage von DGE, BZfE, Stiftung Warentest und einer der größten Metaanalysen der Ernährungsforschung gedeckt wird. Die Zahlen sind eindeutig: 30 Gramm empfiehlt die DGE, 18 bis 19 Gramm erreicht der Median in Deutschland, und die Lancet-Daten verbinden das Schließen dieser Lücke mit einem 15 bis 30 Prozent geringeren Risiko für die großen Zivilisationskrankheiten.
Wer davon profitieren will, braucht dafür weder App noch Pulver, sondern Haferflocken, Hülsenfrüchte, Vollkornbrot, Gemüse und Obst für Centbeträge am Tag. Die eigentliche Bewährungsprobe kommt erst noch: wenn die Industrie den Trend in angereicherte Fertigprodukte übersetzt und aus dem günstigsten Ernährungsupgrade des Supermarkts ein Premiumsegment macht. Wer den Unterschied zwischen einer Linse und einem Faserzusatz kennt, ist darauf vorbereitet.





