In der gesetzlichen Krankenversicherung gibt es wenige Angebote, bei denen Nutzen und Nachfrage so weit auseinanderliegen wie bei der Impfung gegen Gürtelrose. Der Impfstoff senkt das Erkrankungsrisiko nach Daten des Robert Koch-Instituts um 92 Prozent, die Krankheit trifft jeden Vierten im Laufe des Lebens, und für alle ab 60 zahlt die Kasse beide Impfdosen komplett. Trotzdem sind nach einer Auswertung der BARMER vier von fünf Anspruchsberechtigten nicht oder nur unvollständig geimpft, hochgerechnet rund 20 Millionen Menschen. Seit Februar 2026 ist der Kreis der Berechtigten sogar noch größer geworden: Risikogruppen haben jetzt bereits ab 18 Jahren Anspruch auf die Kassenimpfung. Die Herbstsaison 2026 wird die erste volle Impfsaison, in der die erweiterte Regelung gilt. Zeit für eine Bestandsaufnahme einer Vorsorgeleistung, die kaum jemand abholt.

Ein Virus, das fast jeder in sich trägt

Gürtelrose ist keine Neuinfektion, sondern ein Wiedergänger. Wer als Kind Windpocken hatte, trägt das Varizella-zoster-Virus lebenslang in den Nervenknoten. Mit zunehmendem Alter oder bei geschwächtem Immunsystem kann das Virus reaktivieren und wandert dann entlang einzelner Nervenbahnen zurück zur Haut. Das Ergebnis ist der typische, meist einseitige, gürtelförmige Ausschlag mit oft erheblichen Schmerzen.

Die Krankheitslast ist beträchtlich. Nach Erhebungen des Robert Koch-Instituts auf Basis von Abrechnungsdaten der Krankenkassen erkranken in Deutschland jedes Jahr mehr als 300.000 Menschen an Herpes zoster, so der medizinische Name. Etwa jeder Vierte macht die Erkrankung mindestens einmal im Leben durch. Die gefürchtetste Komplikation ist die Post-Zoster-Neuralgie: Nervenschmerzen, die nach Abheilen des Ausschlags noch Monate bis Jahre anhalten können. Das Risiko steigt steil mit dem Alter. Nach den Auswertungen der BARMER verdoppelt sich ab 80 Jahren das Erkrankungsrisiko, das Risiko einer gefährlichen Augenbeteiligung verdreifacht sich, das Risiko anhaltender Nervenschmerzen vervierfacht sich.

Vier von fünf verzichten auf den Schutz

Wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist, hat der Arzneimittelreport 2025 der BARMER vermessen, vorgestellt am 25. September 2025 auf Basis von Versichertendaten der Jahre 2019 bis 2023. Bundesweit waren demnach nur 21,3 Prozent der Menschen ab 60 vollständig gegen Gürtelrose geimpft. Rund 80 Prozent der Anspruchsberechtigten, etwa 20 Millionen Menschen, sind ungeschützt oder haben nur eine der beiden nötigen Dosen erhalten. Besonders bitter: Ausgerechnet bei den über 80-Jährigen, die das höchste Komplikationsrisiko tragen, liegt die Quote mit knapp 16 Prozent am niedrigsten.

Dass die Impfung im Versorgungsalltag funktioniert, zeigen dieselben Daten. Im Jahr 2023 erkrankten 11,4 von 1.000 ungeimpften BARMER-Versicherten an Gürtelrose, aber nur 4,1 von 1.000 geimpften. Studienautor Professor Daniel Grandt, Chefarzt am Klinikum Saarbrücken, zieht ein ernüchterndes Fazit: „Die Impflücken bei Herpes zoster sind zuletzt größer geworden, anstatt kleiner."

Der Report führt die Lücke weniger auf Impfskepsis zurück als auf Organisation. Ob jemand geimpft wird, hängt stark davon ab, ob die eigene Hausarztpraxis das Thema aktiv anspricht. Ein Einladungs- oder Erinnerungssystem, wie es andere Länder für Erwachsenenimpfungen nutzen, existiert in Deutschland nicht. Ein Muster, das sich bei der ebenfalls unterschätzten HPV-Impfung wiederholt: hochwirksam, von der Kasse bezahlt, aber ohne System dahinter bleibt die Quote niedrig.

Im Jahr 2023 erkrankten 11,4 von 1.000 ungeimpften BARMER-Versicherten an Gürtelrose, bei den Geimpften waren es 4,1
Im Jahr 2023 erkrankten 11,4 von 1.000 ungeimpften BARMER-Versicherten an Gürtelrose, bei den Geimpften waren es 4,1

Ost impft, Süden zögert

Wer beim Impfen ein Nord-Süd- oder Ost-West-Klischee im Kopf hat, wird von den Regionaldaten überrascht. Die höchsten Gürtelrose-Impfquoten finden sich im Osten, die niedrigsten im wohlhabenden Süden.

Region Vollständig geimpfte Personen ab 60
Sachsen-Anhalt 29,3 Prozent
Brandenburg 28,1 Prozent
Schleswig-Holstein 24,2 Prozent
Bundesdurchschnitt 21,3 Prozent
Nordrhein-Westfalen 21,2 Prozent
Bayern 15,4 Prozent
Baden-Württemberg 15,2 Prozent

Sachsen-Anhalt liegt fast doppelt so hoch wie Bayern und Baden-Württemberg. Das widerspricht dem verbreiteten Bild impfskeptischer östlicher Bundesländer, das sich seit der Corona-Zeit festgesetzt hat. Bei Erwachsenenimpfungen ist das Gefälle allerdings seit Langem bekannt: Auch bei der Grippeimpfung liegen die östlichen Länder traditionell vorn, was Fachleute mit gewachsenen Impfroutinen aus DDR-Zeiten erklären. Für die Praxis heißt das: Ob jemand geschützt ist, hängt in Deutschland auch beim Zoster stark vom Wohnort ab.

Wer jetzt Anspruch auf die Kassenimpfung hat

Die wichtigste Änderung des vergangenen Winters betrifft jüngere Risikogruppen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) hatte ihre Empfehlung im Epidemiologischen Bulletin 45/2025 vom 6. November 2025 erweitert: Die Indikationsimpfung gilt seither für Personen mit erhöhter Gefährdung ab 18 Jahren statt wie zuvor ab 50. Der Gemeinsame Bundesausschuss übernahm die Empfehlung mit Beschluss vom 18. Dezember 2025 in die Schutzimpfungs-Richtlinie. Nach der Veröffentlichung im Bundesanzeiger ist die erweiterte Impfung seit dem 13. Februar 2026 Regelleistung aller gesetzlichen Kassen. Im Impfkalender 2026, veröffentlicht im Epidemiologischen Bulletin 4/2026 vom 22. Januar 2026, ist die Änderung offiziell verankert.

Zu den Risikogruppen zählen unter anderem Menschen mit angeborener oder erworbener Immunschwäche, mit HIV-Infektion, nach Stammzell- oder Organtransplantation, unter immunsuppressiver Therapie etwa mit Rituximab oder JAK-Inhibitoren, mit bösartigen Bluterkrankungen, mit Autoimmunerkrankungen wie rheumatoider Arthritis oder Lupus sowie mit schweren oder schlecht kontrollierten Grunderkrankungen, darunter COPD, chronische Niereninsuffizienz, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen oder ein schlecht eingestellter Diabetes. Wichtig für die Einordnung: Für 18- bis 59-Jährige mit leichten, medikamentös gut kontrollierten Erkrankungen wird die Impfung ausdrücklich nicht empfohlen. Die Abgrenzung trifft die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.

Gruppe Status Kassenleistung
Alle Personen ab 60 Standardimpfung Ja, seit 2019
Ab 50 mit Grunderkrankung oder Immunschwäche Indikationsimpfung Ja, seit 2019
18 bis 49 mit schwerer Grunderkrankung oder Immunschwäche Indikationsimpfung Ja, seit 13. Februar 2026
Gesunde zwischen 50 und 59 Keine STIKO-Empfehlung Nein, Selbstzahler oder Satzungsleistung einzelner Kassen
Gesunde unter 50 Keine Empfehlung, Zulassung erst ab 50 Nein

Was die Impfung leistet und was sie kostet

Geimpft wird in Deutschland mit dem Totimpfstoff Shingrix, zwei Dosen im Abstand von zwei bis sechs Monaten. Die Wirksamkeitsdaten gehören zu den besten, die es bei Impfstoffen für Ältere gibt: Das RKI beziffert den Schutz vor Gürtelrose auf 92 Prozent und den Schutz vor Post-Zoster-Neuralgie auf 82 Prozent bei Personen ab 50. Selbst bei den über 70-Jährigen bleibt die Schutzwirkung bei rund 90 Prozent, und sie hält bei Immungesunden über mindestens zehn Jahre an. Bei Menschen mit Immunschwäche fällt der Schutz geringer aus; in Zulassungsstudien lag er bei schwer immundefizienten Patienten bei 68,2 Prozent über 21 Monate. Genau diese Gruppe hat aber auch das höchste Erkrankungsrisiko und profitiert absolut gesehen am meisten.

Verschwiegen werden muss nicht, dass die Impfung spürbar sein kann: Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit oder erhöhte Temperatur für ein bis zwei Tage sind vergleichsweise häufig. Schwere Nebenwirkungen sind selten; für das Guillain-Barré-Syndrom geht die STIKO von etwa drei zusätzlichen Fällen pro einer Million Impfdosen aus. Als Totimpfstoff lässt sich Shingrix nach den allgemeinen Regeln der STIKO im selben Termin mit anderen Totimpfstoffen kombinieren, etwa mit der Grippeimpfung. Der Grippetermin im Herbst ist damit die naheliegende Gelegenheit, beide Lücken auf einmal zu schließen.

Wer keinen Anspruch hat, merkt schnell, was die Kasse hier übernimmt: In Apotheken-Preisvergleichen kostet Shingrix Selbstzahler rund 283 Euro pro Dosis (Stand Juli 2026), für die vollständige Serie also etwa 565 Euro. Der Impfstoff zählt damit zu den teuersten überhaupt. Für alle Anspruchsberechtigten ist dieselbe Leistung kostenfrei, ohne Zuzahlung und ohne Antrag.

Der überraschende Nebenbefund: weniger Demenzdiagnosen

Seit 2025 hat die Zoster-Impfung eine zweite Karriere in den Schlagzeilen, und die hat mit Gürtelrose nur indirekt zu tun. Im April 2025 veröffentlichte ein Team um Markus Eyting und Pascal Geldsetzer in der Fachzeitschrift Nature eine Auswertung von Gesundheitsdaten von mehr als 280.000 älteren Menschen in Wales. Dort hatte eine Stichtagsregel ein sogenanntes natürliches Experiment geschaffen: Wer vor dem 2. September 1933 geboren war, bekam den damaligen Zoster-Lebendimpfstoff nie angeboten, wer danach geboren war, hatte Anspruch. Zwei praktisch identische Gruppen, getrennt nur durch das Geburtsdatum. Das Ergebnis: Bei den Geimpften lag die Wahrscheinlichkeit einer neuen Demenzdiagnose über sieben Jahre um rund 20 Prozent niedriger, bei Frauen deutlicher als bei Männern.

In Wales hatten Zoster-Geimpfte über sieben Jahre ein um rund 20 Prozent niedrigeres Risiko einer Demenzdiagnose, der Wirkmechanismus ist ungeklärt
In Wales hatten Zoster-Geimpfte über sieben Jahre ein um rund 20 Prozent niedrigeres Risiko einer Demenzdiagnose, der Wirkmechanismus ist ungeklärt

Der Befund ist bemerkenswert, aber er ist kein Beweis. Es handelt sich um ein einzelnes natürliches Experiment, nicht um eine randomisierte Studie, und untersucht wurde der ältere Lebendimpfstoff Zostavax, nicht das heute verwendete Shingrix. Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) ordnet die Lage inzwischen vorsichtig optimistisch ein. „Diese Studie hat richtig Schwung in das Feld gebracht", sagt der Ulmer DZNE-Virologe Konstantin Sparrer; Folgeauswertungen aus Australien, Kanada und weiteren Ländern zeigen ähnliche Signale, erste Analysen deuten auch für den neueren Totimpfstoff in dieselbe Richtung. Offen bleibt der Mechanismus: Unklar ist, ob die Impfung das Gehirn vor dem Virus selbst schützt oder das Immunsystem allgemein günstig beeinflusst, und nicht alle Geimpften scheinen gleichermaßen zu profitieren. Eine Impfempfehlung zur Demenzvorbeugung gibt es folgerichtig nicht. Wer sich impfen lässt, sollte das wegen der Gürtelrose tun. Der mögliche Demenz-Effekt ist ein Bonus, dessen Größe die Forschung erst noch beziffern muss.

Fazit

Die Gürtelrose-Impfung ist der seltene Fall einer Vorsorgeleistung, bei der die Rechnung einfach ist: 92 Prozent Schutzwirkung gegen eine Erkrankung, die jeden Vierten trifft, null Euro Kosten für Anspruchsberechtigte, die sonst rund 565 Euro zahlen müssten. Dass vier von fünf Berechtigten darauf verzichten, liegt selten an einer bewussten Entscheidung, sondern daran, dass niemand sie erinnert. Wer über 60 ist, kann das Thema beim nächsten Praxisbesuch selbst ansprechen und die Impfung mit dem Grippetermin im Herbst verbinden. Wer jünger ist und mit einer Immunschwäche oder einer schweren chronischen Erkrankung lebt, sollte den seit Februar 2026 erweiterten Anspruch kennen und in der Sprechstunde klären, ob er greift. Ein Blick in den Impfpass kostet eine Minute. Die Post-Zoster-Neuralgie kostet im schlechtesten Fall Jahre.

Weiterführende Links

RKIrki.de →STIKO-Impfempfehlungen 2026 im Epidemiologischen Bulletin 4/2026 (PDF)
RKIrki.de →Antworten auf häufig gestellte Fragen zur Gürtelrose-Impfung
G-BAg-ba.de →Pressemitteilung vom 18. Dezember 2025 zur erweiterten Zoster-Impfempfehlung ab 18 Jahren
BARMERbarmer.de →Pressemitteilung zum Arzneimittelreport 2025 mit den Impfquoten nach Bundesländern
Naturenature.com →Natürliches Experiment zur Wirkung der Zoster-Impfung auf das Demenzrisiko (Eyting et al., 2025)
DZNEdzne.de →Einordnung der Studienlage zu Gürtelrose-Impfung und Demenz