Es gibt in der Medizin nur wenige Meldungen, die sich wie ein Schlusspunkt lesen. Im Januar 2024 lieferte Schottland eine: Unter allen Frauen, die dort im Alter von 12 bis 13 Jahren vollständig gegen Humane Papillomviren geimpft wurden, trat seit Programmstart 2008 kein einziger Fall von Gebärmutterhalskrebs auf. Null. Veröffentlicht wurde die Auswertung von Public Health Scotland im Journal of the National Cancer Institute. Deutschland verfügt über denselben Impfstoff, dieselbe Evidenz und eine Impfempfehlung seit 2007. Trotzdem ist hierzulande nur gut die Hälfte der 15-jährigen Mädchen vollständig geimpft, bei den Jungen ist es ein gutes Drittel. Die Lücke zwischen dem, was möglich wäre, und dem, was passiert, ist bei kaum einer Vorsorgeleistung so groß.

Eine Impfung gegen Krebs

Humane Papillomviren gehören zu den häufigsten sexuell übertragbaren Erregern überhaupt. Die meisten Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens, in der Regel bald nach Beginn der sexuellen Aktivität. Meist bleibt die Infektion folgenlos und heilt aus. Bestimmte Hochrisiko-Typen können jedoch über Jahre bis Jahrzehnte Zellveränderungen verursachen, aus denen Krebs entsteht: am Gebärmutterhals, aber auch an Vulva, Vagina, Penis, Anus und im Mund-Rachen-Raum.

Die Größenordnung wird oft unterschätzt. Nach Berechnungen des Zentrums für Krebsregisterdaten am Robert Koch-Institut erkranken in Deutschland jedes Jahr rund 6.250 Frauen und etwa 1.600 Männer an HPV-bedingten Karzinomen. Allein auf den Gebärmutterhals entfallen etwa 4.500 Neuerkrankungen, rund 1.500 Frauen sterben pro Jahr daran. Bei Männern ist der häufigste HPV-bedingte Tumor keine Seltenheit im Genitalbereich, sondern das Oropharynxkarzinom im Rachen mit über 1.100 Neuerkrankungen jährlich.

Der seit Jahren verfügbare Impfstoff Gardasil 9 richtet sich gegen neun HPV-Typen, darunter die beiden Hochrisiko-Typen 16 und 18, die für den Großteil der Zervixkarzinome verantwortlich sind, sowie die Typen 6 und 11, die Genitalwarzen verursachen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung für alle Kinder im Alter von 9 bis 14 Jahren, versäumte Impfungen sollen bis zum 18. Geburtstag nachgeholt werden.

Je früher, desto besser: die Studienlage

Warum das empfohlene Impfalter so jung angesetzt ist, zeigen die großen Registerstudien der letzten Jahre. Die Impfung verhindert Infektionen, kann aber eine bereits bestehende Infektion nicht beseitigen. Ihr Nutzen ist deshalb am größten, wenn sie vor dem ersten Sexualkontakt erfolgt. Der Effekt lässt sich beziffern.

Frauen, die vor dem 17. Lebensjahr geimpft wurden, hatten in der schwedischen Registerstudie ein um 88 Prozent geringeres Risiko für Gebärmutterhalskrebs
Frauen, die vor dem 17. Lebensjahr geimpft wurden, hatten in der schwedischen Registerstudie ein um 88 Prozent geringeres Risiko für Gebärmutterhalskrebs

Eine schwedische Studie im New England Journal of Medicine wertete 2020 die Daten von fast 1,7 Millionen Mädchen und Frauen aus. Wer vor dem 17. Lebensjahr geimpft wurde, hatte ein um 88 Prozent geringeres Risiko, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken. Bei einer Impfung zwischen 17 und 30 Jahren schrumpfte der Schutzeffekt auf 53 Prozent. Eine englische Auswertung im Lancet von 2021 zeigte dieselbe Treppe noch feiner aufgelöst:

Impfalter Risikoreduktion Gebärmutterhalskrebs
12 bis 13 Jahre 87 Prozent
14 bis 16 Jahre 62 Prozent
16 bis 18 Jahre 34 Prozent
Ungeimpft Referenzwert

Jedes Jahr Verzögerung kostet messbar Schutzwirkung. Die schottische Null-Fälle-Auswertung von 2024 ist die konsequente Fortsetzung dieser Datenreihe: Sie betrachtet genau die Gruppe, die im optimalen Fenster geimpft wurde. Australien, das früh mit Schulimpfprogrammen startete und Quoten über 80 Prozent erreicht, rechnet damit, Gebärmutterhalskrebs bis 2035 als Gesundheitsproblem praktisch zu eliminieren.

Deutschland impft zu wenig und zu spät

Gemessen an dieser Evidenz sind die deutschen Zahlen ernüchternd. Nach der aktuellen KV-Impfsurveillance des Robert Koch-Instituts, zuletzt aktualisiert im Dezember 2025, sind 55 Prozent der 15-jährigen Mädchen und 36 Prozent der gleichaltrigen Jungen vollständig gegen HPV geimpft. Mindestens eine Dosis erhalten haben 68 Prozent der Mädchen und 49 Prozent der Jungen. Bei den Mädchen stagniert die Quote seit 2021.

Noch auffälliger sind die regionalen Unterschiede: Je nach Landkreis liegt die Quote vollständig geimpfter 15-jähriger Mädchen zwischen 26 und 75 Prozent, bei Jungen zwischen 14 und 66 Prozent. Ob ein Kind geschützt ist, hängt in Deutschland auch davon ab, wo es wohnt. Die DAK-Fokusanalyse zum Kinder- und Jugendreport 2025, basierend auf Abrechnungsdaten von rund 800.000 Versicherten, registrierte für 2023 zwar einen Anstieg der Erstimpfungen um 12 Prozent auf etwa 585.000. Von den Quoten der Vorreiterländer bleibt Deutschland dennoch weit entfernt.

Ein struktureller Grund: Deutschland hat kein Schulimpfprogramm wie Schottland oder Australien. Die Impfung hängt am Arzttermin, und zwischen der U9 mit fünf Jahren und der J1 mit 12 bis 14 Jahren klafft eine lange Lücke ohne Routinekontakt zum Kinderarzt. Die J1 selbst, das ideale Zeitfenster für die HPV-Impfung, nimmt nur etwa vier von zehn Jugendlichen wahr. Dass hier das eigentliche Problem liegt, hat auch das Robert Koch-Institut erkannt: Im Forschungsprojekt InveSt HPV untersucht es derzeit, mit welchen Maßnahmen sich die Impfquoten gezielt steigern lassen, etwa durch Einladungs- und Erinnerungssysteme, wie sie andere Länder längst einsetzen.

Auch Jungen sind gemeint

Seit 2018 gilt die STIKO-Empfehlung ausdrücklich für beide Geschlechter, was viele Eltern bis heute nicht wissen. Die Impfquote der Jungen liegt entsprechend fast 20 Punkte hinter der ohnehin mäßigen der Mädchen. Dabei ist die Rechnung einfach: Rund 1.600 Männer erkranken jährlich an HPV-bedingtem Krebs, gegen Oropharynx- und Analkarzinome existiert kein Früherkennungsprogramm. Geimpfte Jungen schützen zudem später ihre Partnerinnen und Partner, weil sie das Virus nicht weitergeben. In Ländern mit hohen Impfquoten beider Geschlechter sind auch Genitalwarzen, gegen die der Impfstoff ebenfalls wirkt, drastisch zurückgegangen.

Impfschema und Kosten: wer zahlt was

Für Eltern ist neben der Wirksamkeit vor allem eine Zahl relevant: das Alter ihres Kindes. Es entscheidet über die Zahl der nötigen Dosen und über die Kostenfrage.

Alter Impfschema Kosten
9 bis 14 Jahre 2 Dosen im Abstand von 5 bis 13 Monaten Kassenleistung
15 bis 17 Jahre 3 Dosen Kassenleistung (Nachholimpfung)
18 bis 26 Jahre 3 Dosen je nach Kasse als Satzungsleistung
ab 27 Jahre 3 Dosen in der Regel Selbstzahler
Bis zum 15. Geburtstag genügen zwei Impfdosen, danach sind drei nötig: Wer früh impft, spart eine Dosis und gewinnt Schutzwirkung
Bis zum 15. Geburtstag genügen zwei Impfdosen, danach sind drei nötig: Wer früh impft, spart eine Dosis und gewinnt Schutzwirkung

Bis zum 18. Geburtstag ist die Impfung eine Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenkassen. Danach wird es unübersichtlich: Etliche Kassen erstatten die Impfung freiwillig bis zum 26. Lebensjahr, andere gar nicht. Wer die Impfung selbst zahlt, muss mit etwa 160 bis 180 Euro pro Dosis rechnen, bei drei Dosen also mit rund 480 bis 540 Euro. Ein Anruf bei der eigenen Kasse vor dem ersten Termin lohnt sich also buchstäblich. Und wer die Impfung seines Kindes vor dem 15. Geburtstag beginnt, spart nicht nur eine komplette Dosis, sondern sichert den höchsten Schutzeffekt.

Eine Randnotiz zur internationalen Entwicklung: Großbritannien, Australien und Kanada sind inzwischen auf ein Ein-Dosis-Schema umgestiegen, gestützt auf WHO-Analysen zur Gleichwertigkeit. Die STIKO folgt dem bislang nicht, in der EU wäre die Einzeldosis derzeit ein Off-Label-Einsatz. Am Zwei-Dosen-Schema für unter 15-Jährige ändert sich in Deutschland also vorerst nichts.

Wie sicher ist die Impfung?

Kaum ein Impfstoff ist so umfangreich untersucht wie der gegen HPV. Weltweit wurden mehrere hundert Millionen Dosen verimpft, die Sicherheitsdaten laufen seit fast zwei Jahrzehnten. Typische Reaktionen sind Schmerzen an der Einstichstelle, Kopfschmerzen oder kurzzeitige Müdigkeit. Die zeitweise diskutierten Verdachtsfälle chronischer Syndrome nach der Impfung hielten der Überprüfung nicht stand: Die Europäische Arzneimittel-Agentur fand bereits 2015 in einer eigens angesetzten Sicherheitsbewertung keinen Zusammenhang, die Weltgesundheitsorganisation bestätigt das Sicherheitsprofil regelmäßig. Das Robert Koch-Institut führt die Impfung ohne Einschränkungen für alle empfohlenen Altersgruppen.

Auch eine Sorge, die in Elterngesprächen regelmäßig auftaucht, ist untersucht worden: dass eine Impfung gegen ein sexuell übertragbares Virus Kinder zu früherer sexueller Aktivität verleiten könnte. Mehrere große Kohortenstudien aus Nordamerika und Skandinavien fanden keinerlei Unterschied im Verhalten geimpfter und ungeimpfter Jugendlicher. Die Impfung wirkt wie ein Sicherheitsgurt: Sie ändert nicht das Verhalten, sie ändert die Folgen.

Wichtig bleibt eine zweite Einordnung: Die Impfung ersetzt die Früherkennung nicht. Der Impfstoff deckt die wichtigsten, aber nicht alle krebsauslösenden HPV-Typen ab. Geimpfte Frauen sollten deshalb ab 20 weiterhin die gesetzliche Zervixkarzinom-Früherkennung wahrnehmen, die seit 2020 als organisiertes Programm mit Einladungsschreiben läuft. Impfung und Screening sind kein Entweder-oder, sondern zwei Schutzebenen, die sich ergänzen.

Fazit

Die HPV-Impfung ist der seltene Fall einer Vorsorgemaßnahme, deren Nutzen sich nicht in Surrogatwerten, sondern in verhinderten Krebsfällen messen lässt. Schottland zeigt, wohin konsequentes Impfen führt, die deutsche Realität mit 55 und 36 Prozent zeigt das Gegenteil. Für Eltern lässt sich die Studienlage auf einen Satz verdichten: Das Zeitfenster zwischen dem 9. und dem 15. Geburtstag ist der Moment, in dem zwei Arzttermine das spätere Krebsrisiko des Kindes um fast 90 Prozent senken können. Wer es verpasst hat, sollte das Nachholfenster bis zum 18. Geburtstag nutzen, solange die Kasse ohne Wenn und Aber zahlt. Der geeignete Anlass ist die J1-Vorsorgeuntersuchung, und wenn die nicht ansteht, genügt ein regulärer Termin in der Kinderarztpraxis.

Weiterführende Links

RKIrki.de →Impfempfehlung und FAQ zur HPV-Schutzimpfung
Nationale Lenkungsgruppe Impfennali-impfen.de →Studienlage zur HPV-Impfung
DAK Kinder- und Jugendreport 2025dak.de →Fokusanalyse HPV-Impfung
Krebsinformationsdienst des DKFZkrebsinformationsdienst.de →HPV-Impfung schützt vor Gebärmutterhalskrebs