Bryan Johnson, US-Tech-Millionär und Selbstexperimentator, veröffentlichte im April 2025 die Ergebnisse seines 60-Sitzungen-Protokolls in der hyperbaren Sauerstoffkammer. Seine systemische Entzündung sei auf nicht mehr messbare Werte gefallen, die Telomerlänge um 2,6 Prozent gestiegen. Was als nerdiges Anti-Aging-Experiment begann, ist 2026 in Deutschland angekommen. In Berlin und München eröffnen Wellness-Studios mit Druckkammern, eine Komplettkur kostet zwischen 4.500 und 15.000 Euro. Der Haken: Die deutsche Behördenlage spricht eine andere Sprache als die Werbeprospekte.
Was hyperbare Sauerstofftherapie ist und was nicht
Hyperbare Sauerstofftherapie, kurz HBOT, bezeichnet das Einatmen von hundertprozentigem Sauerstoff unter erhöhtem Umgebungsdruck. Klassische medizinische HBOT arbeitet mit 2,2 bis 2,8 ATA, also dem 2,2- bis 2,8-fachen des Luftdrucks auf Meereshöhe. Die Sitzung dauert 60 bis 120 Minuten, meist in einer Mehrplatzkammer in einer Klinik mit notfallmedizinischer Ausstattung.
Davon abzugrenzen ist die sogenannte Mild-HBOT, die in den neuen Wellness-Studios angeboten wird. Sie arbeitet mit deutlich niedrigerem Druck, oft 1,3 bis 1,5 ATA, in transportablen Kammern. Die europäischen Fachgesellschaften ECHM und EUBS stellen klar, dass „mild hyperbaric" nicht der medizinischen Hyperbaroxytherapie entspricht und eine Vermarktung als gleichwertige Alternative irreführend sei. Genau diese Unterscheidung verschwimmt im Marketing der Spa-Anbieter regelmäßig.
Das Wirkprinzip ist unbestritten: Unter Druck löst sich Sauerstoff zusätzlich im Blutplasma, die Sauerstoff-Sättigung im Gewebe steigt deutlich. Was umstritten bleibt, ist die Frage, welche dauerhaften Effekte das jenseits anerkannter Indikationen wie Tauchunfall oder Kohlenmonoxid-Vergiftung hat.
Was die deutschen Kassen zahlen, und was nicht
Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten HBOT nur bei sehr engen Indikationen. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat das Verfahren bereits 2000 bewertet und 2011 als IGeL-Leistung für die meisten Anwendungsbereiche eingeordnet. Erstattet wird ambulant nur das diabetische Fußsyndrom ab Wagner-Stadium II mit zusätzlichen Kriterien. Stationär kommen Tauchunfall, arterielle Gasembolie, Kohlenmonoxid-Vergiftung, schwere nekrotisierende Weichteilinfektionen und ausgewählte Strahlenfolgeschäden hinzu.
Anti-Aging, Hautverjüngung, Sport-Regeneration, Long-COVID und Hörsturz fallen aus dem Leistungskatalog heraus. Der IGeL-Monitor des Medizinischen Dienstes hat HBOT beim Hörsturz 2012 als „tendenziell negativ" bewertet. In der Begründung heißt es: „Aus den uns vorliegenden, wenig aussagekräftigen Studien lässt sich nicht erkennen, dass die Hyperbare Sauerstofftherapie den Hörsturz heilen kann." Neun Übersichtsarbeiten waren ausgewertet worden.
Für Long-/Post-COVID kam der IGeL-Monitor 2023 zur Bewertung „unklar". Die einzige randomisierte kontrollierte Studie hatte 79 Patientinnen und Patienten eingeschlossen, der Follow-up-Zeitraum von ein bis drei Wochen nach Therapie galt den Gutachterinnen als zu kurz, um nachhaltige Effekte zu beurteilen. Medizinische Fachgesellschaften empfehlen den Einsatz „aktuell nur in Studien".

Die israelische Telomer-Studie, auf die sich alle berufen
Im November 2020 publizierte die Arbeitsgruppe um Shai Efrati an der Universität Tel Aviv eine Studie im Fachjournal Aging. 35 Probandinnen und Probanden über 64 Jahre durchliefen 60 tägliche HBOT-Sitzungen bei 2 ATA über drei Monate. Gemessen wurde die Telomerlänge in vier Immunzelltypen vor, während und nach der Therapie.
Die Ergebnisse waren bemerkenswert: Die Telomerlänge in B-Zellen stieg vom Ausgangswert bis nach der 60. Sitzung um 29,4 Prozent, eine bis zwei Wochen nach Therapieende lag der Wert noch um 37,6 Prozent über Baseline. Auch T-Helfer-, T-zytotoxische und Natural-Killer-Zellen zeigten Zuwächse um mehr als 20 Prozent. Die Zahl seneszenter T-Helfer-Zellen sank um 37,3 Prozent.
Diese Studie ist heute das zentrale Argument der gesamten Anti-Aging-HBOT-Industrie. Sie hat aber methodische Schwachstellen, die in Werbebroschüren selten erwähnt werden. Die Stichprobe umfasste 35 Personen ohne Kontrollgruppe. Es gab keine Verblindung. Die Messung erfolgte spätestens zwei Wochen nach Therapieende, ob die Effekte Monate oder Jahre überdauern, ist unbekannt. Die Telomer-Messmethodik bei B-Zellen erbrachte zudem die höchste Schwankungsbreite unter den vier Zelltypen.
Ein Review in Frontiers in Aging aus dem Jahr 2024 fasste den Forschungsstand zusammen und kam zu einem zurückhaltenden Urteil. Aufgrund einer großen Bandbreite an Behandlungsprotokollen und mangelndem Verständnis der Druckeffekte auf die menschliche Physiologie sei der Mechanismus therapeutischer Ergebnisse schlecht verstanden. Anti-Aging-Effekte seien zudem stark abhängig von genetischer Veranlagung, endokriner Gesundheit und Ernährung.
Bryan Johnsons Selbstversuch und die deutsche Spa-Welle
Bryan Johnsons im April 2025 veröffentlichtes Protokoll spiegelt Efratis Setup fast eins zu eins wider: 60 Sitzungen, fünf Termine pro Woche, 90 Minuten bei 2 ATA, hundertprozentiger Sauerstoff über Maske. Sein selbst gemessener Befund: hsCRP unter der Nachweisgrenze, VEGF um 300 Prozent erhöht, kurzkettige Fettsäuren plus 250 Prozent. Die Telomerlänge stieg von 11,4 auf 11,7 Kilobasen, ein Plus von 2,6 Prozent. Das ist deutlich weniger als die Efrati-Werte, in derselben Größenordnung wie methodische Schwankungen kommerzieller Telomertests.
Das Marketing der deutschen Spa-Anbieter operiert mit den Efrati-Zahlen. Das HBOT Studio Berlin vermarktet sein „Rejuvenation 90"-Programm mit 60 Sitzungen über 90 Tage für 4.999 Euro, Early-Bird 4.499 Euro. Beworben wird Telomer-Verlängerung und zelluläre Verjüngung, gleichzeitig steht im Kleingedruckten: „Keine ärztliche Beratung, keine Heilversprechen, individuelle Eignung erforderlich." Das AIVA Spa in Berlin verlangt 45 Euro für eine 90-minütige Probesitzung, im 15er-Paket 59 Euro pro 70-minütiger Sitzung. Andere Anbieter wie das Athletics & Health Institut in München bewerben HBOT als Recovery-Tool.
Auffällig ist der Druckunterschied. Während Efrati und Johnson mit 2 ATA arbeiteten, fahren viele Wellness-Kammern mit 1,3 bis 1,5 ATA. Die Frage, ob mit diesem reduzierten Druck die in Studien beschriebenen Effekte überhaupt erreichbar sind, beantworten die Spas nicht. Die Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin GTÜM und der Verband Deutscher Druckkammerzentren VDD haben in einer gemeinsamen Stellungnahme zur „Anwendung milder hyperbarer Therapien" auf diese Grauzone hingewiesen.
Indikationen, Evidenz, Werbung: ein Vergleich
Die folgende Tabelle stellt gegenüber, was deutsche Behörden anerkennen, was Studien bislang zeigen und womit Spa-Anbieter werben.
| Indikation | Kassen-Status DE | Studienlage | Spa-Werbung |
|---|---|---|---|
| Tauchunfall, Gasembolie | erstattet, stationär | hohe Evidenz, GTÜM-Standard | nicht angeboten |
| CO-Vergiftung | erstattet, stationär | hohe Evidenz, GTÜM-Standard | nicht angeboten |
| Diab. Fußsyndrom Wagner II+ | erstattet, ambulant | moderat positiv | nicht angeboten |
| Strahlenfolgeschäden | erstattet, stationär | moderat positiv | nicht angeboten |
| Hörsturz | nicht erstattet | IGeL-Monitor: tendenziell negativ | teils beworben |
| Long-/Post-COVID | nicht erstattet | IGeL-Monitor: unklar, n=79 | beworben |
| Anti-Aging, Telomere | nicht erstattet | Efrati 2020, n=35, kein Follow-up | zentrales Verkaufsargument |
| Hautverjüngung | nicht erstattet | Einzelstudien, keine RCT | beworben |
| Sport-Regeneration | nicht erstattet | inkonsistent | beworben |
Was die Kur in Deutschland tatsächlich kostet
Wer das Bryan-Johnson-Protokoll in einer medizinischen Druckkammer mit Klinik-Standard durchziehen wollte, müsste mit 200 bis 375 Euro pro Sitzung rechnen, was bei 60 Terminen 12.000 bis 22.500 Euro ergibt. Selbst die günstigeren Wellness-Studios kommen für eine vergleichbare Kur auf 3.500 bis 5.000 Euro, allerdings mit deutlich niedrigerem Druck und damit fraglicher Vergleichbarkeit zu den Studien.
Hinzu kommen Voruntersuchungen. HBOT erfordert eine HNO-ärztliche Druckausgleichsprüfung, ein Lungenröntgen mit Strahlenexposition und ein kardiologisches Basis-Screening. Diese Kosten tragen Selbstzahlerinnen ebenfalls. Bei Klaustrophobie, unbehandeltem Pneumothorax oder bestimmten Lungenerkrankungen ist HBOT kontraindiziert. Häufige Nebenwirkungen sind Mittelohrbarotraumen, vorübergehende Sehverschlechterung durch reversible Linsenveränderung und Sinusprobleme.

Was die Forschung verlässlich zur Lebensverlängerung sagt
Wer 12.000 Euro für ein Anti-Aging-Programm investieren möchte, stößt schnell auf eine Vergleichsoption mit ungleich solider Datenlage. Die Mandsager-Studie, 2018 in JAMA Network Open publiziert, wertete Belastungs-EKG-Daten von über 122.000 Erwachsenen über median 8,4 Jahre aus. Probandinnen und Probanden in der höchsten kardiorespiratorischen Fitness-Kategorie hatten eine um etwa 80 Prozent niedrigere Gesamtsterblichkeit als die unfitteste Gruppe. Der Sprung von der untersten in die zweitunterste Kategorie reduzierte die Zehn-Jahres-Sterblichkeit um die Hälfte.
Diese Effektgrößen sind durch wiederholte Studien gut belegt. Die Kosten dafür: ein Paar Laufschuhe, im Idealfall ein Spirometrie-Test mit VO2max-Bestimmung für 100 bis 200 Euro. Drei bis vier strukturierte Trainingseinheiten pro Woche, davon eine mit hoher Intensität, gelten als evidenzbasierter Pfad zur signifikanten VO2max-Steigerung. Für die individuellen Lebensjahre lässt sich das nicht punktgenau beziffern, die Größenordnung der Sterblichkeitsreduktion liegt aber um Faktoren höher als alles, was bislang für HBOT seriös belegt ist.
Das heißt nicht, dass HBOT keinen Platz in der Medizin hätte. Bei Tauchunfällen, CO-Vergiftung und schlecht heilenden diabetischen Wunden ist die Therapie etabliert und wirksam. Als 15.000-Euro-Verjüngungskur fehlt ihr die Datenbasis, die der Preis suggeriert. Wer trotzdem testen möchte, sollte mindestens darauf bestehen, dass das gewählte Studio mit medizinischem Druckbereich arbeitet, eine ärztliche Vor-Begutachtung anbietet und die Risiken offen kommuniziert.
Fazit
Die hyperbare Sauerstofftherapie ist 2026 in deutschen Wellness-Spas angekommen. Das zentrale Verkaufsargument, Telomerverlängerung um bis zu 38 Prozent, beruht auf einer einzigen israelischen Studie mit 35 Probandinnen und Probanden, ohne Kontrollgruppe und ohne Langzeit-Follow-up. Deutsche Behörden, vom Gemeinsamen Bundesausschuss bis zum IGeL-Monitor, haben Anti-Aging, Hörsturz und Long-COVID als HBOT-Indikationen klar abgelehnt oder als wissenschaftlich unzureichend belegt eingestuft. Wer trotzdem 5.000 bis 15.000 Euro investieren möchte, sollte das mit offenen Augen tun. Wer Lebensjahre gewinnen möchte, hat mit Ausdauertraining den deutlich besser belegten Hebel zur Hand. Mit dem behandelnden Hausarzt lässt sich klären, welche Vorsorge- und Bewegungsoptionen im individuellen Fall am sinnvollsten sind.





