Ein Markt, der boomt. Gummibärchen mit Vitamin C, Brausetabletten mit Zink, Tropfen mit Omega-3: Die Regale in Drogerien und Apotheken bieten längst ein eigenes Sortiment für Kinder. Die Verpackungen sind bunt, die Versprechen gross. Mehr Konzentration, ein stärkeres Immunsystem, bessere Laune. Influencer werben auf Instagram für "Kindervitamine", Hersteller sprechen von "optimaler Entwicklung". Und Eltern, die nur das Beste wollen, greifen zu. Etwa jedes zehnte Kind in Deutschland bekommt täglich ein Nahrungsergänzungsmittel oder ein mit Vitaminen angereichertes Lebensmittel.

Doch was sagt die Wissenschaft zu diesem Milliarden-Geschäft? Die Antwort ist ernüchternd. In den allermeisten Fällen sind Nahrungsergänzungsmittel für gesunde Kinder schlicht überflüssig. Und sie können sogar schaden. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), die Verbraucherzentralen und die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) sind sich in diesem Punkt einig. Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache.

Die Versorgungslage: Besser als gedacht

Bevor Eltern nach Präparaten greifen, lohnt ein Blick auf die tatsächliche Nährstoffversorgung. Die EsKiMo-II-Studie des Robert Koch-Instituts, durchgeführt als Modul der grossen KiGGS-Studie, zeichnet ein differenziertes Bild: Kinder in Deutschland sind mit den meisten Vitaminen und Mineralstoffen ausreichend versorgt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bestätigt diese Einschätzung. Eine ausgewogene Mischkost deckt in der Regel den Bedarf.

Das bedeutet nicht, dass es keine kritischen Nährstoffe gibt. Die Datenlage zeigt durchaus Lücken, etwa bei Vitamin D, Jod und Folat. Auch die Calciumzufuhr erreicht bei manchen Altersgruppen nicht die empfohlenen Werte, und bei Mädchen ab der Pubertät kann die Eisenversorgung knapp werden. Doch diese Lücken erfordern differenzierte Lösungen, nicht das pauschale Greifen zu Multivitamin-Präparaten.

Entscheidend ist: Die Studien zeigen keinen Beleg dafür, dass eine zusätzliche Nährstoffzufuhr über den Bedarf hinaus irgendeinen Vorteil bringt. Weder die Konzentration noch die Abwehrkräfte verbessern sich, wenn ein Kind, das bereits ausreichend versorgt ist, noch mehr Vitamin C oder Zink bekommt. Die populären Werbeversprechen auf Produktverpackungen entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage.

Vitamin D: Der einzige klare Fall

Wenn es einen Nährstoff gibt, bei dem sich Fachleute weitgehend einig sind, dann ist es Vitamin D. Die AWMF-Leitlinie zur Vitamin-D-Mangel-Rachitis empfiehlt für alle Säuglinge eine tägliche Supplementierung von 400 bis 500 I.E. Vitamin D ab der ersten Lebenswoche bis zum zweiten erlebten Frühsommer. Der Grund: Über die Nahrung nehmen Kinder nur 1 bis 2 Mikrogramm Vitamin D pro Tag auf. Das reicht nicht. Der geschätzte Bedarf bei fehlender Eigenproduktion durch Sonnenlicht liegt laut DGE bei 20 Mikrogramm (800 I.E.) täglich.

Rund 54 Prozent der Kinder und Jugendlichen bis 17 Jahre sind laut BfR-Daten ausreichend mit Vitamin D versorgt. Das bedeutet im Umkehrschluss: Fast die Hälfte ist es nicht. Besonders betroffen sind Kinder mit dunklerem Hautkolorit, Kinder, die sich wenig im Freien aufhalten, und Kinder mit bestimmten chronischen Erkrankungen. Für diese Risikogruppen empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) eine dauerhafte Supplementierung von bis zu 1.000 I.E. pro Tag.

Ob die Supplementierung auch nach dem zweiten Lebensjahr fortgesetzt werden sollte, ist unter Fachleuten umstritten. Die Ernährungskommission der DGKJ hat 2018 eine Stellungnahme veröffentlicht, die eine Weiterführung bei unzureichender Sonnenexposition zumindest erwägt. Verbindliche Leitlinien für Kinder jenseits des Säuglingsalters fehlen allerdings bis heute.

Doch auch hier gilt: Die Gabe von Vitamin D sollte immer mit dem Kinderarzt abgesprochen sein. Denn eine Überdosierung kann zu erhöhten Kalziumwerten im Blut führen und im schlimmsten Fall die Nieren schädigen. Bei Säuglingen ist die Grenze zur Überdosierung schnell erreicht, wie die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft in der Fachzeitschrift "Arzneiverordnung in der Praxis" 2025 erneut gewarnt hat. Fallberichte über Vitamin-D-Intoxikationen bei Kindern mit daraus resultierender Hyperkalzämie existieren in der medizinischen Literatur.

Etwa 46 Prozent der Kinder in Deutschland haben keinen optimalen Vitamin-D-Spiegel, doch gezielte Supplementierung braucht ärztliche Begleitung
Etwa 46 Prozent der Kinder in Deutschland haben keinen optimalen Vitamin-D-Spiegel, doch gezielte Supplementierung braucht ärztliche Begleitung

Was Kinder tatsächlich brauchen: Die kritischen Nährstoffe im Überblick

Die DGE-Referenzwerte zeigen, wie unterschiedlich der Nährstoffbedarf je nach Alter ausfällt. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über ausgewählte Nährstoffe und den empfohlenen Tagesbedarf für verschiedene Altersgruppen:

Nährstoff 1 bis 3 Jahre 4 bis 6 Jahre 7 bis 9 Jahre 10 bis 12 Jahre
Vitamin D 20 µg (800 I.E.) 20 µg (800 I.E.) 20 µg (800 I.E.) 20 µg (800 I.E.)
Calcium 600 mg 750 mg 900 mg 1.100 mg
Eisen 8 mg 8 mg 10 mg 12 mg
Jod 100 µg 120 µg 140 µg 180 µg
Zink 3 mg 4 mg 6 mg 8-9 mg
Vitamin C 20 mg 30 mg 45 mg 65 mg

Quelle: DGE-Referenzwerte, Schätzwerte bei fehlender Eigensynthese (Vitamin D). Angaben gerundet.

Auffällig: Der Bedarf steigt mit dem Alter teilweise erheblich. Ein Zehnjähriger braucht fast doppelt so viel Calcium wie ein Dreijähriger. Und gerade bei Jod zeigt sich eine besorgniserregende Versorgungslücke. Deutschland gilt nach Expertenmeinung erneut als mildes Jodmangelgebiet. Die Jodzufuhr über die Nahrung ist in den vergangenen Jahren gesunken, unter anderem weil weniger jodiertes Speisesalz in der industriellen Lebensmittelproduktion verwendet wird. Hier kann jodiertes Speisesalz in der Familienküche einen einfachen und sicheren Beitrag leisten, ebenso wie der regelmässige Verzehr von Seefisch und Milchprodukten.

Bei Eisen ist die Lage differenzierter. Kleinkinder und Schulkinder sind in der Regel gut versorgt. Erst mit Einsetzen der Menstruation steigt der Eisenbedarf bei Mädchen deutlich, und Studien zeigen, dass in dieser Altersgruppe tatsächlich häufiger Eisenmangel auftritt. Doch auch hier ist die Antwort nicht ein frei verkäufliches Präparat aus der Drogerie, sondern ein Gespräch mit dem Kinderarzt und gegebenenfalls eine Blutuntersuchung.

Marktcheck: Überdosiert und überflüssig

Was auf dem Markt angeboten wird, passt selten zu dem, was Kinder tatsächlich brauchen. Ein Marktcheck der Verbraucherzentralen aus dem Jahr 2023 hat 33 Nahrungsergänzungsmittel für Kinder untersucht. Das Ergebnis ist alarmierend:

Bei 70 Prozent der Produkte lag mindestens ein Vitamin oder Mineralstoff über dem DGE-Referenzwert für Vier- bis Siebenjährige. Fast 40 Prozent der Produkte überschritten sogar die vom BfR vorgeschlagenen sicheren Höchstmengen, die eigentlich erst für Personen ab 15 Jahren gelten. Für jüngere Kinder existieren mit wenigen Ausnahmen gar keine definierten Höchstmengen.

Das Problem ist systemisch. Es gibt auf EU-Ebene nach wie vor keine verbindlichen Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln. Die BfR-Höchstmengenvorschläge, zuletzt 2024 aktualisiert, sind Empfehlungen, keine Gesetze. Auch eine Meldepflicht für unerwünschte Wirkungen existiert nicht. Anders als bei Arzneimitteln müssen Nahrungsergänzungsmittel vor dem Inverkehrbringen keine Wirksamkeit nachweisen. Eine einfache Anmeldung beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit genügt.

Besonders problematisch ist die Aufmachung: 20 von 33 untersuchten Produkten lockten laut Marktcheck mit bunten Verpackungen, Comic-Figuren oder Tierbildern. 22 Produkte ähnelten als Gummibärchen, Kaubonbons oder Toffees echten Süssigkeiten. Das birgt ein reales Risiko: Kleine Kinder können die Präparate mit Naschwerk verwechseln und versehentlich grössere Mengen einnehmen. Auch die Kosten sind beträchtlich: Bereits 2018 ermittelte ein Marktcheck der Verbraucherzentralen, dass Eltern für solche Produkte bis zu 500 Euro pro Kind und Jahr ausgeben, ohne dass ein nachweisbarer gesundheitlicher Nutzen entsteht.

Die Risiken: Was Überdosierung anrichten kann

Fettlösliche Vitamine wie A und D reichern sich im Körper an. Während wasserlösliche Vitamine bei Überschuss grösstenteils über den Urin ausgeschieden werden, speichert der Körper fettlösliche Varianten im Gewebe. Hohe Dosen von Vitamin A können bei Kindern Kopfschmerzen, Übelkeit und Müdigkeit verursachen. Eine chronische Überversorgung mit Vitamin D kann, wie bereits beschrieben, zu Hyperkalzämie führen.

Das BfR empfiehlt ausdrücklich, Kindern bestimmte Stoffe gar nicht als Nahrungsergänzung zu verabreichen. Kupfer etwa gehört nicht in Kinderpräparate, ebenso wenig Bor. Auch bei Melatonin, das zunehmend als Einschlafhilfe für Kinder vermarktet wird, rät das BfR dringend ab: Die Datenlage zur Sicherheit bei gesunden Kindern sei zu dünn, mögliche Auswirkungen auf Wachstum und Pubertätsentwicklung seien nicht hinreichend erforscht. Melatonin ist ein Hormon, kein harmloses Nahrungsergänzungsmittel. Es in Eigenregie an Kinder zu verabreichen, ist aus medizinischer Sicht nicht vertretbar.

Hinzu kommt ein Problem, das viele Eltern nicht auf dem Schirm haben: Wechselwirkungen. Wer seinem Kind gleichzeitig ein Multivitaminpräparat und ein angereichertes Frühstücksmüsli gibt, addiert Dosierungen, ohne es zu merken. Die Verbraucherzentralen haben dokumentiert, dass manche Kinder auf diesem Weg deutlich mehr als die empfohlene Tagesmenge einzelner Nährstoffe aufnehmen.

Verbraucherzentralen warnen: 70 Prozent der Kinder-Nahrungsergänzungsmittel überschreiten die empfohlenen Tagesmengen
Verbraucherzentralen warnen: 70 Prozent der Kinder-Nahrungsergänzungsmittel überschreiten die empfohlenen Tagesmengen

Eine übermässige Zufuhr von Nährstoffen verbessert weder das Immunsystem noch die Konzentrationsfähigkeit oder Gehirnleistung. Wer den Tagesbedarf bereits über die Ernährung deckt, erzielt durch zusätzliche Gaben keinen Mehrwert. Im Gegenteil: Die vermeintliche Absicherung durch Pillen kann dazu führen, dass Eltern weniger auf eine ausgewogene Ernährung achten.

Wann Nahrungsergänzung tatsächlich sinnvoll sein kann

Trotz der grundsätzlichen Skepsis gibt es Situationen, in denen eine gezielte Supplementierung medizinisch geboten ist:

Vegane Ernährung: Kinder, die sich rein pflanzlich ernähren, haben laut BfR ein hohes Risiko für eine unzureichende Versorgung mit Vitamin B12, das fast ausschliesslich in tierischen Lebensmitteln vorkommt. Hier ist eine Supplementierung zwingend notwendig. Auch Eisen, Zink, Calcium und Omega-3-Fettsäuren können bei veganer Kost kritisch werden.

Nachgewiesene Mangelzustände: Wenn ein Blutbild einen konkreten Mangel zeigt, etwa an Eisen oder Vitamin D, ist die gezielte ärztliche Verordnung eines Supplements sinnvoll und wirksam.

Chronische Erkrankungen: Kinder mit Zöliakie, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder Nahrungsmittelallergien können einen erhöhten Bedarf an bestimmten Nährstoffen haben.

Frühgeborene: Sie benötigen häufig eine zusätzliche Versorgung mit Eisen, Vitamin D und weiteren Mikronährstoffen.

In all diesen Fällen gilt: Die Supplementierung gehört in die Hände eines Kinderarztes. Eigenständiges Dosieren nach Gutdünken oder Influencer-Empfehlung ist keine verantwortungsvolle Gesundheitsvorsorge. Die Dosierung muss individuell auf das Kind abgestimmt sein, basierend auf Alter, Gewicht, Ernährungsgewohnheiten und labordiagnostisch bestätigtem Bedarf.

Auch beim Thema Omega-3-Fettsäuren ist Vorsicht geboten. Die Datenlage zur Supplementierung bei Kindern ist uneinheitlich. Zwar sind Omega-3-Fettsäuren wichtig für die Gehirnentwicklung, doch die Studienergebnisse zu den Effekten einer zusätzlichen Gabe sind widersprüchlich. Eine bis zwei Portionen fetter Seefisch pro Woche, wie von der DGE empfohlen, liefern in der Regel ausreichend EPA und DHA.

Was stattdessen hilft: Ernährung, Bewegung, Tageslicht

Die Empfehlung der Fachgesellschaften ist einhellig: Eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und regelmässige Bewegung an der frischen Luft bilden das Fundament gesunder Kinderentwicklung. Kein Nahrungsergänzungsmittel kann das ersetzen.

Konkret bedeutet das: Obst und Gemüse in jeder Mahlzeit, möglichst bunt und abwechslungsreich. Vollkornprodukte statt Weissmehl. Milchprodukte für die Calciumversorgung. Seefisch ein- bis zweimal pro Woche für Jod und Omega-3-Fettsäuren. Jodiertes Speisesalz in der Küche. Hülsenfrüchte und Nüsse als Eisenquelle. Und vor allem: Regelmässig draussen spielen. Schon 15 bis 30 Minuten Sonnenlicht auf Gesicht und Unterarme reichen im Sommerhalbjahr aus, damit der Körper ausreichend Vitamin D bildet.

Das klingt banal, ist es aber nicht. Die EsKiMo-Studie zeigt, dass viele Kinder zu wenig Gemüse und zu viel Zucker essen. Das Problem ist also weniger ein Vitaminmangel als vielmehr eine insgesamt ungünstige Lebensmittelauswahl. Nahrungsergänzungsmittel können diese strukturelle Schwäche nicht beheben. Wer seinem Kind Gummibärchen-Vitamine gibt, aber weiterhin hauptsächlich Weissbrot, Wurst und Fertiggerichte auf den Tisch stellt, investiert ins falsche Lager.

Eltern, die sich Sorgen um die Nährstoffversorgung ihrer Kinder machen, sollten zunächst das Gespräch mit dem Kinderarzt suchen. Ein Blutbild kann klären, ob tatsächlich ein Mangel vorliegt. Das ist der seriöse Weg, nicht der Griff ins Drogerieregal. Und falls ein Mangel nachgewiesen wird, verschreibt der Arzt das passende Präparat in der richtigen Dosierung. Nicht mehr, nicht weniger.

Weiterführende Links

Calcium, Vitamin D oder Omega-3-Fettsäurenverbraucherzentrale.de →Benötigen Kinder Nahrungsergänzungsmittel? (Verbraucherzentrale)
Kinder und Jugendlichecentrosan.com →Mehr Nährstoffe für Wachstum und Entwicklung (Centrosan)
Nahrungsergänzungsmittel für Kinderbfr.bund.de →(K)eine gute Idee?! (BfR)
Marktcheckverbraucherzentrale.de →Nahrungsergänzungsmittel für Kinder zu hoch dosiert (Verbraucherzentrale)
DGE-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhrdge.de →
Aktualisierte Höchstmengenvorschläge für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln (BfR, 2024)bfr.bund.de →
Vitamin-D-Supplementierung jenseits des zweiten Lebensjahres (DGKJ)dgkj.de →
S1-Leitlinie Vitamin-D-Mangel-Rachitis (AWMF)awmf.org →