Wer sich mit Ernährungstrends beschäftigt, stößt früher oder später auf die basische Ernährung. Sie verspricht nichts Geringeres als den Schutz vor Krebs, Osteoporose und chronischen Entzündungen. Die Idee klingt bestechend einfach: Bestimmte Lebensmittel hinterlassen nach der Verdauung saure Rückstände im Körper, die krank machen. Wer dagegen vorwiegend "basisch" isst, schützt sich vor Übersäuerung und bleibt gesund. So lautet zumindest das Versprechen einer wachsenden Branche aus Ratgebern, Nahrungsergänzungsmitteln und Basenkuren. Doch was sagt die Wissenschaft wirklich dazu? Und wie viel Wahrheit steckt hinter dem Konzept der "Übersäuerung"?

Die Theorie: Was hinter der basischen Ernährung steckt

Die basische Ernährung beruht auf der sogenannten Säure-Asche-Hypothese (englisch: acid-ash hypothesis). Diese besagt, dass Lebensmittel nach der Verstoffwechselung entweder saure oder basische (alkalische) Rückstände hinterlassen. Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Getreide gelten als säurebildend, während Obst, Gemüse und Nüsse als basenbildend eingestuft werden.

Die Anhänger dieser Theorie argumentieren: Wenn der Körper dauerhaft zu viel Säure verarbeiten muss, greift er auf körpereigene Mineralstoffreserven zurück, vor allem auf Kalzium aus den Knochen. Die Folge sei eine schleichende "Übersäuerung", die zu Osteoporose, Nierensteinen, Muskelschwund und sogar Krebs führen könne.

Zur Einordnung: Die Wissenschaftler Thomas Remer und Friedrich Manz entwickelten 1995 den sogenannten PRAL-Wert (Potential Renal Acid Load), der die potenzielle Nierensäurebelastung von Lebensmitteln beziffert. Dieser Wert wird bis heute verwendet, um Lebensmittel in "säurebildend" und "basenbildend" zu klassifizieren. Negative PRAL-Werte stehen für eine basenbildende, positive für eine säurebildende Wirkung.

Wie der Körper seinen pH-Wert reguliert

Um die Behauptungen der basischen Ernährung zu beurteilen, lohnt sich ein Blick auf die Physiologie. Der menschliche Körper verfügt über ausgesprochen leistungsfähige Puffersysteme, die den pH-Wert des Blutes äußerst stabil zwischen 7,36 und 7,44 halten. Diese Regulation ist überlebenswichtig, denn bereits geringe Abweichungen können lebensbedrohlich sein.

Drei Systeme arbeiten dabei zusammen:

Bikarbonat-Puffer im Blut: Mit rund 52 Prozent der Pufferkapazität das wichtigste System. Es fängt Säuren und Basen ab, bevor sie den pH-Wert verändern können.

Lunge: Über die Atmung wird Kohlendioxid (CO₂) abgeatmet, das bei der Verstoffwechselung entsteht. Die Atemfrequenz kann innerhalb von Minuten angepasst werden, um Säureschwankungen auszugleichen.

Niere: Sie scheidet überschüssige Säure mit dem Urin aus und bildet neues Bikarbonat. Dieser Mechanismus wirkt langsamer, dafür aber langfristig.

Die entscheidende Erkenntnis: Bei gesunden Menschen können diese Systeme selbst größere Schwankungen in der Ernährung problemlos kompensieren. Die Ernährung verändert zwar den pH-Wert des Urins, nicht aber den pH-Wert des Blutes. Eine "Übersäuerung" durch Lebensmittel ist bei intakter Nieren- und Lungenfunktion physiologisch nicht möglich.

Der Blut-pH-Wert bleibt bei gesunden Menschen stabil zwischen 7,36 und 7,44, unabhängig von der Ernährung
Der Blut-pH-Wert bleibt bei gesunden Menschen stabil zwischen 7,36 und 7,44, unabhängig von der Ernährung

Was die DGE und die Forschung sagen

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat zur basischen Ernährung eine eindeutige Position: Eine basenüberschüssige Kost bringe "keine nachweisbaren gesundheitlichen Vorteile". Gesunde Menschen, die sich ausgewogen ernähren, müssten keine Übersäuerung durch die Ernährung befürchten, da die körpereigenen Puffersysteme den Säure-Basen-Haushalt ausreichend regulieren.

Auch international ist die Studienlage ernüchternd für Anhänger der basischen Ernährung:

Knochengesundheit: Eine oft zitierte Metaanalyse von Fenton et al. (2011), veröffentlicht im Nutrition Journal, untersuchte 55 Studien und kam zu dem Ergebnis: "Ein kausaler Zusammenhang zwischen der Säurebelastung durch die Ernährung und osteoporotischen Knochenerkrankungen wird durch die Evidenz nicht gestützt." Auch eine 2022 in Frontiers in Nutrition veröffentlichte Metaanalyse konnte keinen überzeugenden Zusammenhang zwischen Säurebelastung und Knochengesundheit nachweisen.

Milchprodukte und Protein: Entgegen der Vorhersage der Säure-Asche-Hypothese zeigte eine weitere Metaanalyse, dass eine höhere Phosphat- und Proteinzufuhr sogar positive Effekte auf den Kalziumstoffwechsel und Knochengesundheitsmarker haben kann.

Allgemeine Gesundheit: Keine kontrollierte Studie hat bisher belegen können, dass eine basische Ernährung Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder chronische Entzündungen verhindert.

PRAL-Werte im Überblick: Säure- und basenbildende Lebensmittel

Der PRAL-Wert (in mEq/100 g) gibt die potenzielle Nierensäurebelastung an. Er wird aus dem Gehalt an Protein, Phosphor, Kalium, Magnesium und Kalzium berechnet. Negative Werte bedeuten "basenbildend", positive "säurebildend".

Lebensmittel PRAL-Wert (mEq/100 g) Einstufung
Rosinen -21,0 stark basenbildend
Spinat -14,0 stark basenbildend
Banane -5,5 basenbildend
Kartoffeln -4,0 basenbildend
Vollmilch +0,7 schwach säurebildend
Vollkornbrot +5,3 säurebildend
Hühnchenbrust +8,7 säurebildend
Hartkäse (Emmentaler) +21,1 stark säurebildend

Quelle: Remer/Manz, Journal of the American Dietetic Association, 1995

Wichtig: Der PRAL-Wert berücksichtigt nicht die unterschiedliche Verstoffwechselung von tierischem und pflanzlichem Protein. Laut neueren Untersuchungen wird die säurebildende Wirkung pflanzlicher Lebensmittel in der PRAL-Berechnung tendenziell überschätzt, die von tierischen Lebensmitteln dagegen unterschätzt.

Was tatsächlich stimmt und was nicht

Die Diskussion um basische Ernährung ist nicht schwarz-weiß. Einige Teilaspekte verdienen eine differenzierte Betrachtung:

Was die Evidenz nicht hergibt:

Was durchaus plausibel ist:

Nur 13 % der Deutschen erreichen die DGE-Empfehlung von mindestens 400 g Gemüse täglich
Nur 13 % der Deutschen erreichen die DGE-Empfehlung von mindestens 400 g Gemüse täglich

Die Apotheken Umschau bringt es auf den Punkt: "Dass der Körper von einer überwiegend pflanzlichen Ernährung profitiert, liegt weniger an der basischen Wirkung als am hohen Gehalt an Vitaminen, Mineralien, Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen." Die positiven Effekte, die manche Menschen einer basischen Ernährung zuschreiben, gehen also wahrscheinlich schlicht darauf zurück, dass sie mehr Obst und Gemüse essen und weniger stark verarbeitete Lebensmittel konsumieren.

Das Geschäft mit der Angst vor Übersäuerung

Rund um die basische Ernährung hat sich ein beachtlicher Markt entwickelt. Basenpulver, Basenkuren, pH-Teststreifen, Entsäuerungstabletten: Die Produktpalette ist groß und die Versprechen klingen verlockend. Die DGE stellt dazu klar, dass die Einnahme "basenfördernder" Nahrungsergänzungsmittel unnötig ist.

Das WDR-Wissenschaftsmagazin Quarks fasste zusammen: Keine wissenschaftliche Studie konnte einen Zusammenhang zwischen einer "Übersäuerung" durch Ernährung und Krankheiten herstellen. Die Puffersysteme gesunder Menschen könnten selbst sehr große Säuremengen ausgleichen oder ausscheiden. Wenn die Pufferkapazität kurzfristig sinke, werde sie schnell kompensiert und führe daher nicht zu Erkrankungen.

Problematisch wird es, wenn Menschen aus Angst vor "Übersäuerung" ganze Lebensmittelgruppen streichen. Getreide, Milchprodukte und proteinreiche Lebensmittel liefern wichtige Nährstoffe wie B-Vitamine, Kalzium, Eisen und essenzielle Aminosäuren. Die DGE warnt ausdrücklich, dass eine einseitige basische Diät zu einer Unterversorgung mit diesen Nährstoffen führen kann.

Was Sie wirklich tun können

Statt sich an PRAL-Tabellen und Basenpulvern zu orientieren, lohnt sich ein Blick auf das, was die Ernährungswissenschaft tatsächlich empfiehlt:

Die basische Ernährung ist kein Allheilmittel und die Angst vor einer "Übersäuerung" durch Lebensmittel wissenschaftlich nicht begründet. Wer sich abwechslungsreich ernährt und auf einen hohen Anteil pflanzlicher Lebensmittel achtet, tut seinem Körper etwas Gutes. Dafür braucht es weder PRAL-Tabellen noch Basenkuren.

Weiterführende Links

Basische Ernährung bei Wikipediade.wikipedia.org →
Säure-Basen-Haushalt bei Eurumedeurumed.de →
Säure-Basen-Haushaltaok.de →Basische Ernährung im Check (AOK)
Darum sind viele Säure-Basen-Kuren Quatsch (Quarks)quarks.de →
Basische Ernährungapotheken-umschau.de →Braucht der Körper Hilfe gegen Übersäuerung? (Apotheken Umschau)
Fenton et al.nutritionj.biomedcentral.com →Causal assessment of dietary acid load and bone disease (Nutrition Journal, 2011)
Was bringt eine basische Ernährung? (VerbraucherFenster Hessen)verbraucherfenster.hessen.de →
Säure-Basen-Haushalt (FETeV)fet-ev.eu →