Wer heute ein deutsches Krankenhaus betritt, merkt schnell: Die Digitalisierung ist angekommen, aber sie ist noch lange nicht abgeschlossen. Zwischen elektronischen Patientenakten, KI-gestützter Diagnostik und digitalen Patientenportalen entsteht eine neue Klinikwelt. Gleichzeitig kämpfen viele Häuser mit veralteter IT-Infrastruktur, Fachkräftemangel und wachsenden Cyberrisiken. Ein Überblick darüber, wo deutsche Krankenhäuser stehen, was bereits funktioniert und wo die großen Baustellen liegen.
4,3 Milliarden Euro und eine Frist: Das Krankenhauszukunftsgesetz
Das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) aus dem Jahr 2020 sollte der Startschuss für die digitale Transformation deutscher Kliniken sein. Der Bund stellte 3 Milliarden Euro bereit, die Länder und Krankenhausträger weitere 1,3 Milliarden. Das Ziel: moderne Notfallkapazitäten, digitale Infrastruktur und bessere IT-Sicherheit. Elf konkrete Fördertatbestände wurden definiert, von digitalen Patientenportalen über klinische Entscheidungsunterstützungssysteme bis hin zur Telemedizin und Cybersicherheit.
Fünf Jahre später zeigt sich ein gemischtes Bild. Das Bundesamt für Soziale Sicherung hat 2,938 Milliarden der insgesamt 2,952 Milliarden Euro an Bundesmitteln bewilligt. Doch "bewilligt" heißt nicht "umgesetzt". Zahlreiche Projekte stecken noch mitten in der Realisierung. Steigende Hardwarepreise, globale Lieferkettenprobleme und ein gravierender IT-Fachkräftemangel haben die Zeitpläne durcheinandergebracht. Im Mittel kommen auf jede Klinik etwa ein Prozent des Gesamtumsatzes als jährliche Folgekosten der KHZG-geförderten Projekte hinzu, eine Belastung, die viele Häuser in ihrer ohnehin angespannten finanziellen Lage zusätzlich unter Druck setzt.
Seit dem 1. Januar 2025 gilt zudem eine Sanktionsregelung: Krankenhäuser, die bestimmte digitale Pflichtfunktionen (Fördertatbestände 2 bis 6) nicht mindestens beauftragt haben, müssen mit einem Abschlag von bis zu zwei Prozent auf ihre DRG-Erlöse rechnen. Das betrifft unter anderem die digitale Pflege- und Behandlungsdokumentation, das klinische Entscheidungsunterstützungssystem sowie das Medikationsmanagement. Für die Jahre 2025 und 2026 genügt allerdings der Nachweis, dass die jeweiligen Systeme eingerichtet sind. Der Nachweis der tatsächlichen Nutzung wird erst in den folgenden Jahren nach einem Stufenmodell verlangt. Das verschafft vielen Kliniken eine Verschnaufpause, löst aber das Grundproblem nicht: Wer nur auf dem Papier digital ist, wird im Klinikalltag keinen Nutzen daraus ziehen.
DigitalRadar: Wo stehen deutsche Kliniken wirklich?
Wie digital sind deutsche Krankenhäuser tatsächlich? Die nationale Reifegradmessung DigitalRadar liefert dazu belastbare Zahlen. An der zweiten Erhebung nahmen 1.592 Krankenhäuser teil, darunter 546 öffentliche (34,3 Prozent), 584 freigemeinnützige (36,7 Prozent) und 462 private Träger (29,0 Prozent). Die Ergebnisse zeigen: Es geht voran, aber langsam.
| Dimension | Punkte 2021 | Punkte 2024 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Strukturen und Systeme (z. B. KIS) | ca. 38 | ca. 49 | +11 Punkte |
| Klinische Prozesse (Dokumentation, Entscheidungsunterstützung) | ca. 33 | ca. 44 | +11 Punkte |
| Informationsaustausch (Kommunikation, Medizintechnik) | ca. 30 | ca. 41 | +11 Punkte |
| Patientenpartizipation | ca. 20 | ca. 25 | +5 Punkte |
| Telehealth | ca. 18 | ca. 23 | +5 Punkte |
| Gesamtdurchschnitt | 33,3 | 42,4 | +9,1 Punkte |
Insgesamt haben deutsche Kliniken ihren digitalen Reifegrad um 27 Prozent gesteigert. Auffällig ist jedoch, dass die größten Fortschritte bei internen Systemen und Prozessen erzielt wurden, also dort, wo die IT-Abteilungen direkt Einfluss nehmen konnten. Bei den Krankenhausinformationssystemen, der digitalen Dokumentation und der internen Kommunikation hat sich viel getan.
Wo es jedoch um die direkte Einbindung von Patientinnen und Patienten geht, also bei Patientenportalen und Telemedizin-Angeboten, bleibt der Fortschritt überschaubar. Der Zuwachs liegt hier bei nur fünf Punkten. Das ist problematisch, denn genau dort spüren Betroffene den Unterschied zwischen einem analogen und einem digitalen Krankenhaus am deutlichsten. Wer als Patientin oder Patient merkt, dass Befunde noch per Fax verschickt werden oder die Aufnahme ausschließlich auf Papier stattfindet, wird die 4,3 Milliarden Euro Fördersumme nicht als Erfolg wahrnehmen.

Die elektronische Patientenakte: Ein Meilenstein mit Anlaufschwierigkeiten
Die elektronische Patientenakte (ePA) ist das wohl sichtbarste Digitalisierungsprojekt im deutschen Gesundheitswesen. Seit dem 15. Januar 2025 hat jede gesetzlich versicherte Person automatisch eine ePA, sofern sie nicht aktiv widersprochen hat. Das sogenannte Opt-out-Verfahren markierte einen Paradigmenwechsel: Statt wie bisher aktiv eine Akte beantragen zu müssen, wird sie nun standardmäßig angelegt.
Der Rollout begann in drei Modellregionen: Hamburg und Umland, Franken sowie Teile Nordrhein-Westfalens. Dort sammelten Praxen, Kliniken und Apotheken erste Erfahrungen mit der digitalen Akte im Alltag. Seit dem 29. April 2025 ist die ePA bundesweit für alle Leistungserbringer nutzbar. Ab dem 1. Oktober 2025 sind alle Praxen, Krankenhäuser und Apotheken verpflichtet, die ePA mit gesetzlich vorgeschriebenen Daten zu befüllen, darunter Befunde, Arztbriefe, Laborergebnisse und Medikationspläne.
Was bedeutet das konkret für Patientinnen und Patienten? Wer ins Krankenhaus kommt, muss idealerweise keine Ordner mit Befunden mehr mitbringen. Vorherige Diagnosen, Laborwerte und aktuelle Medikamentenlisten sind digital verfügbar. Ärztinnen und Ärzte können sich vor einer Operation oder Behandlung einen umfassenden Überblick über die Krankengeschichte verschaffen. Das reduziert Doppeluntersuchungen, vermeidet gefährliche Wechselwirkungen bei Medikamenten und beschleunigt die Aufnahme erheblich. Besonders in Notfallsituationen, wenn Patientinnen und Patienten selbst keine Auskunft geben können, erweist sich die ePA als potenziell lebensrettend.
In der Praxis zeigen sich allerdings noch Hürden. Nicht alle Klinik-IT-Systeme sind reibungslos an die Telematikinfrastruktur angebunden. Manche Häuser berichten von Verzögerungen beim Abruf und Einspeisen der Daten. Auch die Frage, wie granular Patientinnen und Patienten den Zugriff auf einzelne Dokumente steuern können, sorgt für Diskussionen unter Datenschützern. Die Vision einer vollständig vernetzten Patientenakte wird Realität, aber der Weg dorthin erfordert Geduld und technische Nachbesserungen.
Künstliche Intelligenz: Vom Röntgenbild bis zur Bettenbelegung
Der Bereich, in dem sich die Krankenhausdigitalisierung am dynamischsten entwickelt, ist die Künstliche Intelligenz. Laut einer Bitkom-Erhebung setzen bereits 18 Prozent der Klinikärztinnen und -ärzte KI-basierte Werkzeuge ein. Der KI-Einsatz in deutschen Kliniken hat sich seit 2022 verdoppelt, und jedes zweite Klinikum testet inzwischen prädiktive Algorithmen in verschiedenen Anwendungsfeldern.
In der Radiologie erkennen KI-Systeme Auffälligkeiten in bildgebenden Verfahren, etwa bei Thorax-Aufnahmen, Mammographien oder der Prostatadiagnostik. Sie ersetzen dabei keine ärztliche Expertise, sondern fungieren als "zweites Augenpaar", das relevante Befunde markiert und so die Befundung beschleunigt. In der Universitätsmedizin Essen, die als erstes Smart Hospital Deutschlands gilt, werden KI, Robotik und modernste IT bereits systematisch im klinischen Alltag eingesetzt, von der Bildanalyse bis zur Operationsplanung mit Augmented Reality.
Darüber hinaus helfen KI-gestützte Systeme bei der Optimierung von Bettenkapazitäten, der Vorhersage von Patientenaufkommen in Notaufnahmen und der automatisierten medizinischen Dokumentation. Gerade letzterer Punkt ist für das Pflegepersonal von enormer Bedeutung: Pflegekräfte verbringen rund 30 Prozent ihrer Arbeitszeit mit nicht-pflegerischen Tätigkeiten wie Dokumentation, Materialtransporten und Verwaltungsaufgaben. Jede Minute, die KI bei der Dokumentation einspart, kommt direkt der Patientenversorgung zugute und kann dazu beitragen, die Arbeitsbedingungen in einem Berufsfeld zu verbessern, das unter massivem Personalmangel leidet.
Die Akzeptanz unter Medizinerinnen und Medizinern ist bemerkenswert hoch. 78 Prozent der Ärztinnen und Ärzte bewerten KI als große Chance für die Medizin. Auch in der Bevölkerung überwiegt die Zustimmung: 71 Prozent der Menschen in Deutschland stehen dem Einsatz von KI im Gesundheitswesen positiv gegenüber. Gleichzeitig fordern 76 Prozent der Ärzteschaft eine strenge Regulierung. Beides ist kein Widerspruch: Die Medizin braucht Innovation, aber sie braucht sie mit klaren Regeln, transparenten Algorithmen und einer robusten Validierung, bevor KI-Systeme über die Gesundheit von Menschen mitentscheiden.

Telemedizin und Patientenportale: Die Schnittstelle zum Patienten
Telemedizin hat durch die COVID-19-Pandemie einen enormen Schub erhalten, und dieser Trend setzt sich fort. 40 Prozent der Deutschen nutzen inzwischen regelmäßig telemedizinische Angebote, und 60 Prozent der Kliniken bieten entsprechende Dienste an. Der deutsche Telemedizinmarkt ist laut Schätzungen des Roland-Berger-Instituts auf ein Volumen von 38 Milliarden Euro angewachsen. Seit März 2025 sind Video-Sprechstunden laut der überarbeiteten Bundesmantelvertrag-Regelung (BMV-Ä Anlage 31c) als Regelversorgung anerkannt, nicht mehr nur als Ausnahme in Pandemiezeiten.
Für Krankenhäuser bedeutet das: Die Nachsorge nach einem stationären Aufenthalt kann teilweise per Videosprechstunde erfolgen. Patientinnen und Patienten müssen für Kontrolltermine, Wundkontrollen oder die Besprechung von Laborergebnissen nicht mehr zwingend in die Klinik fahren. Das entlastet vor allem chronisch Kranke, ältere Menschen und Bewohnerinnen und Bewohner ländlicher Regionen, die sonst weite Anfahrtswege in Kauf nehmen müssten. Auch in der psychiatrischen Versorgung und der onkologischen Nachsorge hat sich die Telemedizin als wertvolle Ergänzung etabliert.
Parallel dazu entstehen digitale Patientenportale, wie sie das KHZG unter dem Fördertatbestand P2 vorsieht. Sie sollen den gesamten Klinikaufenthalt digital begleiten: von der Vorab-Aufnahme mit digitaler Einreichung von Dokumenten über die Terminplanung während des Aufenthalts bis zum strukturierten Entlassmanagement. In Bayern wird derzeit ein großes Patientenportal für 110 Krankenhäuser ausgerollt, das nach einer Pilotphase im Sommer 2024 schrittweise in den Regelbetrieb übergegangen ist. Bundesweit arbeiten rund 40 Kliniken von 20 Trägern am Verbundprojekt "Mein-Krankenhaus.Digital", getragen von der 2023 gegründeten Genossenschaft Klinik IT (KIG).
Dennoch zeigt der DigitalRadar, dass Patientenpartizipation und Telehealth die Bereiche mit dem geringsten Fortschritt sind. Zwischen dem, was technisch möglich ist, und dem, was im Klinikalltag tatsächlich bei Patientinnen und Patienten ankommt, klafft noch eine erhebliche Lücke. Vielerorts scheitert die Umsetzung nicht an der Technologie, sondern an fehlender Schulung des Personals, mangelnder Integration in bestehende Abläufe und einer Krankenhauskultur, die sich nur langsam wandelt.
Cybersicherheit: Die Kehrseite der Vernetzung
Je digitaler ein Krankenhaus wird, desto verwundbarer ist es für Cyberangriffe. Die Zahlen sind alarmierend: Zwischen 2020 und 2024 nahmen Angriffe auf Kliniken um 74 Prozent zu. Rund 30 Prozent aller deutschen Krankenhäuser hatten bereits mindestens einen Sicherheitsvorfall, und seit 2017 steigt die Zahl der Attacken massiv an. Bei mehr als 84 Prozent der Angriffe stehen finanzielle Motive im Vordergrund, in der Regel durch Verschlüsselungstrojaner (Ransomware) und anschließende Lösegeldforderungen.
Die Folgen können verheerend sein. Im Juli 2025 legte ein Cyberangriff die IT-Systeme von über 100 Kliniken des Ameos-Konzerns lahm. Sensible Patienten- und Mitarbeiterdaten wurden entwendet. In solchen Situationen müssen Krankenhäuser auf Papierdokumentation zurückgreifen, geplante Operationen verschieben und Notfallpatienten in andere Häuser umleiten. Das gefährdet unmittelbar die Patientensicherheit und zeigt, dass IT-Sicherheit keine Nebensache ist, sondern eine Grundvoraussetzung für jede Form der Digitalisierung.
Krankenhäuser gelten als kritische Infrastruktur (KRITIS) und unterliegen damit besonderen Meldepflichten gegenüber dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Sie müssen ihre Systeme auf dem neuesten Stand halten, regelmäßig Sicherheitsupdates einspielen und veraltete Hardware austauschen. Das KHZG hat IT-Sicherheit ausdrücklich als förderfähigen Tatbestand definiert: Mindestens 15 Prozent der beantragten Fördermittel müssen in diesen Bereich fließen. Trotzdem fehlt es vielen Häusern an spezialisierten IT-Sicherheitsfachkräften, die Systeme dauerhaft überwachen und im Ernstfall schnell reagieren können.
Was bedeutet das für Patientinnen und Patienten?
Die Digitalisierung deutscher Krankenhäuser ist kein abstraktes IT-Projekt. Sie verändert ganz konkret, wie Patientinnen und Patienten behandelt, informiert und eingebunden werden. Die elektronische Patientenakte macht Behandlungsverläufe transparenter und vermeidet unnötige Doppeluntersuchungen. KI-Systeme unterstützen Ärztinnen und Ärzte bei der Diagnose und helfen dem Pflegepersonal, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Digitale Patientenportale vereinfachen die Aufnahme und Entlassung. Und Telemedizin ermöglicht eine Nachsorge, die nicht an den Wohnort gebunden ist.
Gleichzeitig sollten Patientinnen und Patienten ihre Rechte kennen. Die ePA funktioniert nach dem Opt-out-Prinzip: Wer keine elektronische Patientenakte möchte, muss aktiv bei der Krankenkasse widersprechen. Wer sie nutzt, behält die Kontrolle darüber, welche Ärztinnen und Ärzte Zugriff auf welche Dokumente erhalten. Informieren Sie sich bei Ihrer Krankenkasse über die Möglichkeiten und Einstellungen Ihrer ePA.
Die Digitalisierung wird das Krankenhaus der Zukunft grundlegend verändern. Es bleibt jedoch viel zu tun, technisch, organisatorisch und beim Schutz sensibler Daten. Der DigitalRadar-Gesamtwert von 42,4 Punkten auf einer Skala bis 100 zeigt: Deutsche Kliniken haben aufgeholt, aber mehr als die Hälfte des Weges liegt noch vor ihnen. Die kommenden Jahre werden darüber entscheiden, ob die Milliarden-Investitionen des KHZG tatsächlich zu einer spürbar besseren Versorgung führen oder ob Deutschland im internationalen Vergleich weiter hinterherhinkt.





